Montag, 21. Juni 2021

Laisamis - Tag 1

Es ist spät. Ich sitze auf meinem Bett unter einem kitschigen, aber funktionellen Mückennetz und denke über den Tag nach. Schön wars. Und erfolgreich. Heiß, windig, staubig, wie in der Wüste eben. 

Wir haben insgesamt über den Tag verteilt drei Schulen besucht. Ich überlege die ganze Zeit, wie ich das alles in Worte fassen soll. Es ist schwer. 

Heute lasse ich einfach mal die Bilder für sich sprechen.




















Für morgen zeichnet sich zunehmend eine kleine Sensation ab. Warten wir´s ab.....

Sonntag, 20. Juni 2021

Von Pullerpausen, komplizierten Schlössern und Wüstenglow

Und nun sind wir unterwegs. Ist schon spannend, mit vier Frauen, allesamt Mütter von mehr oder weniger großen und kleinen Kindern, in einem Auto gemeinsam unterwegs zu sein. Es ergeben sich völlig ungeahnte und unerwartete Schwierigkeiten. Während alle vier das Ausbleiben von Fragen wie "Wann sind wir endlich da?", "Wie lange noch?" bis hin zu "Warum müssen wir überhaupt wegfahren?" oder "Mir ist schlecht" genießen, erschloss sich uns ein völlig ungeahntes Problem. Nämlich "Wo ist der richtige Ort für eine Pullerpause?". Hier gibt es tatsächlich unterschiedliche Präferenzen. Nicht einsam genug, ein Mensch in der Nähe, Büsche zu spärlich, gar keine Büsche, Büsche nur auf der anderen Straßenseite.... Naja, wir haben irgendwann den idealen Platz gefunden und sind dann, wie Mädchen das so machen, in Zweierteams ins Gebüsch. Klassisch eben....

Die Fahrt hoch nach Marsabit war durchaus spektakulär. Vorbei an Ananasplantagen, den Aberdares, dem Mount Kenia zu unserer Rechten, entlang an Hopfenplantagen und Rapsfeldern, Stop am Äquator, weiter durch das atemberaubende Samburu, Überqueren ausgetrockneter Flussbetten bis hinein in das County Marsabit. 







Unterwegs, ganz am Ende von Samburu wollte doch tatsächlich das erste mal in meinem kenianischen Leben ein vermummter Herr in Uniform (ich weiß nicht, ob Polizei oder eher Militär) meinen Ausweis sehen. Unsere Antwort auf seine Frage, wohin wir reisen würden, fand er glaub ich nicht so toll. Ist ja auch manchmal etwas unruhig hier oben. Gott sei Dank hatte ich meine Diplocard dabei. Das half zumindest, dass er nicht mehr nach meinem Führerschein fragte. Den hab ich nämlich gar nicht dabei. Der alte war abgelaufen und ein neuer ist zwar beantragt, aber die Mühlen mahlen hier sehr langsam. Ich bin auch tatsächlich gespannt, wie der neue, wenn er denn irgendwann mal ausgestellt sein sollte, aussehen wird. Mein letzter wurde irgendwo in einem kenianischen Gefängnis von Insassen gebastelt. So sah er auch aus! Als ob Übeltäter oder Bösewichte Basteltalent hätten.....

Nun sind wir jedenfalls hier in Laisamis angekommen. Irgendwo im Nirgendwo. Es ist trocken, es ist heiß, es ist staubig, es ist windig. 

Die Unterkunft ist absolut akzeptabel. Für ca. 10 Euro pro Person bekommen wir Einzelzimmerunterkunft mit Frühstück. Das Einchecken war einfach. Allerdings ist das Öffnen der Zimmertüren ein Abenteuer. Für Kenianer wohl bekannt, standen wir deutschen Frauen etwas ratlos vor unseren Zimmertüren. Man muss in ein Loch greifen, dann die Hand im Loch nach oben drehen. Dort findet man dann nahezu unerreichbar ein Vorhängeschloss, in welches man, bei beengtem Platzangebot und ohne Sicht einen Schlüssel stecken soll. Das ist Puzzelarbeit im Irgendwo. Für eine zweite Hand ist die Öffnung zu klein. Irgendwie geht es dann, aber es dauert verdammt lange, macht Krach und jedesmal hat man schon beim Aufschließen Sorge, weil ja das Abschließen ähnlich kompliziert ist. 

Ob nun vom komplizierten Öffnen der Zimmer, der Freude über das Ankommen oder die Entspannung bei dem ersten Soda im Garten, unsere Gesichter leuchteten. Lisa gab dem Ganzen einen Namen - der "Wüstenglow". Ich finde er steht uns.

Zu uns gestoßen sind hier am Nachmittag zuerst Amina, eine lokale Health Workerin, die sich hier oben ganz engagiert für Frauenrechte und Mädchen einsetzt und unermüdlich Aufklärungsarbeit in den Dörfern gegen die immer noch praktizierten Beschneidungen macht. Und später traf noch Stephen ein, der früher hier mal Gesundheitsminister war und mir mit seinen Kontakten enorm geholfen hat, die Termine mit den Schuldirektoren zu vereinbaren. 


Die Truppe ist nun also komplett. Die nächste Lagebesprechung erfolgt beim Frühstück morgen früh und dann gehts auf in die Schulen.

Ich werde berichten.....


Samstag, 19. Juni 2021

Von Schutzengeln, Stullenalarm und Sanitary Pads

Was lange währt wird endlich gut? Ich weiß nicht, das mag ja für einige Dinge im Leben zutreffen. Für vieles aber eben nicht. Diese wahnsinnig lange Zeit der Coronatrennung machte uns und unseren Kindern jedenfalls arg zu schaffen. Man kann das ganz gut überbrücken, aber es gibt Situationen, da geht es eben nicht mehr. Gott sei Dank war es mir möglich in der vergangenen Woche völlig ungeplant und mehr Hals über Kopf in einer doch notfälligen Situation, ein paar Tage zu den großen Kindern zu fliegen. Es war gut und nötig. In drei Wochen werde ich wieder dort sein. 

An meinen Schutzengel        

Den Namen weiß ich nicht. Doch bist du einer
Der Engel aus dem himmlischen Quartett,
Das einstmals, als ich kleiner war und reiner,
Allnächtlich Wache hielt an meinem Bett

                                                        Wie du auch heißt – seit vielen Jahren schon
                                                         hältst du die Schwingen über mich gebreitet
                                                               Und hast, der Toren guter Schutzpatron,
                                                         Durch Wasser und durch Feuer mich geleitet.

Du halfst dem Taugenichts, als er zu spät
das Einmaleins der Lebensschule lernte,
Und meine Saat, mit Bangen ausgesät,
Ging auf und wurde unverhofft zur Ernte.

Seit langem bin ich tief in deiner Schuld,
Verzeih mir noch die eine – letzte – Bitte:
Erstrecke deine himmlische Geduld
Auch auf mein Kind und lenke seine Schritte.

Er ist mein Sohn, das heißt: er ist gefährdet.
Sei um ihn tags, behüte seinen Schlaf.
Und füg es, dass mein liebes schwarzes Schaf
Sich dann und wann ein wenig weiß gebärdet.

Gib du dem kleinen Träumer das Geleit,
Hilf ihm vor Gott und vor der Welt bestehen,
Und bleibt dir dann noch etwas freie Zeit,
Magst du bei mir auch nach dem Rechten sehen.

Ein Gedicht an den Schutzengel von Mascha Kaléko

 

Seit gestern früh bin ich wieder zurück in Nairobi. Und bis auf die von meiner Mama mitgegebenen Stullen für den Flug (ich mag das Flugzeugessen nicht) war auch alles unkompliziert. Mamas Stullen nämlich brachten die Beamten an der Sicherheitskontrolle des neuen BER tüchtig ins Schwitzen. Sie lösten nämlich Alarm aus. Da mir auf meinen Flügen seit Jahren immer seltsame Dinge passieren, bringt mich so ein Alarm nicht mehr aus der Ruhe. Es brauchte jedenfalls mehrere Durchleuchtungen, mehrmaliges Ein- und Auspacken in einem gesonderten Bereich und insgesamt drei (!) Sicherheitsbeamte, um herauszufinden, dass die Alufolie Ursache des Übels war. Einer der Beamten bekam tüchtig Appetit, die Leberwurststulle duftete....und es war Mittagszeit - ich habe ihm nichts abgegeben. Immerhin durfte ich dann samt Proviant passieren.

Und nun habe ich einen Tag, um die nächste Reise vorzubereiten. Die Reisen zu den Schulmädchen mit den waschbaren Sanitary Pads mussten auch aufgrund von Corona wieder und wieder verschoben werden. Egal, nun aber endlich, morgen früh gehts los. Ganz weit hoch in den Norden. Dahin, wo es am nötigsten ist. 

Ich werde begleitet von drei wunderbaren Freundinnen und meiner Sprechstundenhilfe Esther aus dem Medical Center. Mit zwei Autos, 850 Beuteln of Sanitary Pads, zusammengewürfeltem Proviant, einem Erste Hilfe Koffer für Notfälle, guter Laune und einigen Flaschen Rotwein machen wir uns morgen früh auf die weite Reise. 

Auf ins nächste Abenteuer.......




Sonntag, 21. März 2021

Kiambu Level V Hospital oder Was ich als Gynäkologin noch lernen kann

 Manchmal geschehen ja Wunder, zuweilen sogar mir.

Auf meine Nachfrage am Mittwochnachmittag im Medical Center, wie weit die Erstellung der Impflisten für unser medizinisches Personal vorangeschritten sind, bekam ich zur Antwort, dass alles erledigt und geprüft wäre und ich ab sofort ins Kiambu Level V Hospital fahren könnte, um die Impfung zu erhalten. 

Nun lebe ich ja schon vier Jahre hier. Immerhin lang genug, um realistisch einschätzen zu können, dass ich das niemals in diesem Krankenhaus allein auf die Reihe bekommen würde. Was also tun? Umgehend ging mein Angebot per WhatsApp raus ans Medical Center, ob denn jemand vom Staff gleich am nächsten Morgen mitkommen und meine Fahrdienste in Anspruch nehmen möchte. 

Ich hatte Glück. Immerhin zwei. Alle anderen hatten Angst und wollten erstmal abwarten, ob wir drei die Impfung überleben. Aha......

Also ging es gleich am Donnerstagmorgen los. Und zwar in die entgegengesetzte Richtung, um zunächst erst einmal meine kenianischen Mitimpfwilligen abzuholen. Mit Boniface und Mother Leah waren wir nun zu dritt auf dem Weg ins größte und beste Krankenhaus im County Kiambu. 

Zu finden war es leicht, Einfahren durfte man jedoch nicht. Da half dann auch kein rotes Nummernschild. Also machten wir uns auf Parkplatzsuche auf den Straßen davor. So richtige Parkplätze gibts da nicht, die meisten kommen wahrscheinlich auch mit anderen Verkehrsmitteln. Irgendwo fanden wir dann eine kleine Lücke auf einem sandigen Streifen zwischen ein paar Straßenhändlern. Hätte ich meine kenianischen Begleiter nicht bei mir gehabt, hätte ich überhaupt nicht auf die Dame im gelben Kittel eine Straße weiter geachtet. Ich wurde jedenfalls darauf aufmerksam gemacht, dass wir nun hier, bei der gelben Dame eine Parkgebühr zu entrichten hätten. Na das war ja mal interessant. Sie war geduldig mit mir und führte mich an meinem Handy Step by Step durch einen 7 Schritte umfassenden Bezahlprozess der Parkgebühr in Höhe von 100 Ksh. Als Empfänger dieser Gebühr wurde dann die Landesregierung von Kiambu ausgewiesen. Naja, die sollten die Parkgebühren vielleicht mal nutzen, um Parkplätze zu schaffen, oder jemanden, der auf die Autos aufpasst. Aber nun gut, es funktioniert ja auch ohne Improvement.....

Nach also nun langwierigem Bezahlprozess traten wir also durchs Tor des Krankenhauses. Überall Zelte und hunderte von ordentlich in Reihen aufgestellten weißen Plastikstühlen. Wir fragten uns durch, verirrten uns, fanden den Weg wieder, passierten schwer bewachte Tore und waren nach einigen Irrwegen endlich an der Stelle angekommen, an welcher der heiße Stoff verimpft wurde. Eine winzige unscheinbare Hütte mit weit geöffneter Tür und reichlich Personal darinnen. Davor eine Traube von ca. 20 Menschen. Es dauerte etwas, bis wir den Prozeß durchschaut hatten. Auch wenn alles wie ein chaotisches Durcheinander wirkte, war es doch erstaunlicherweise irgendwie organisiert.

Zunächst bestand unsere Aufgabe darin, zu warten. Auf was auch immer. Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass Geduld sich hier oft auszahlt. Ab und zu trat eine junge Dame aus dem kleinen Kabuff und einige von uns hatten die Möglichkeit sich bei ihr in ein Buch einzutragen und anzumelden. Zumindest Namen, Telefonnummer, Arbeitsort und so. Naja, nun standen wir immerhin schonmal in einem Buch. Einer nach dem anderen wurde dann in diese Hütte gebeten, um sich zunächst auf einen Stuhl in der rechten hinteren Ecke zu setzen, im Anschluß nach Aufforderung auf einen Stuhl in der linken Ecke zu wechseln und sich dann dort in ein zweites noch größeres Buch einzutragen. Hatte man dieses Procedere erfolgreich bestanden, erhielt man in aller Öffentlichkeit die Impfung. 

Nachdem ich es also ins Kabuff bis auf den Stuhl in der rechten hinteren Ecke geschafft hatte, wurde ich nach kurzer Wartezeit aufgefordert, meinen Sitzplatz auf den Stuhl in der linken Ecke zu verlagern. Dort wurden dann alle Daten nochmal in das zweite große Buch aufgenommen. Diesmal inklusive der Pass-ID Nummer. Nun habe ich ja gar keinen richtigen kenianischen Pass, sondern nur den für Diplomaten. Und jetzt wurde es schwierig. Während ich also alle meine Daten in das große Buch eintrug, tippte ein Krankenhausangestellter alle meine Infos in eine Maske auf einem iPad ein. Und dieses System mag Diplomaten-IDs nicht. Hatten wir ja schon öfter. Es wurde also hin und her probiert, das ganze gut durchorganisierte Impfprocedere kam gehörig ins Stocken und niemand störte sich daran. Während ich zunehmend nervös wurde, beruhigte man mich und tüfftelte und probierte und telefonierte. Und irgendwie klappte es denn doch. Im gleichen Moment, in welchem meine iPad Registrierung akzeptiert und damit abgesendet werden konnte, erhielt ich per SMS auf mein Handy eine Nachricht mit der Chargennummer des Impfstoffes, den ich ja noch gar nicht erhalten hatte und einem Termin für die Zweitimpfung. Da soll man doch sagen was man will, das soll in Organisation erstmal einer nachmachen!

In allgemeiner überschwänglicher Freude, dass das gesamte anwesende Personal sozusagen in Teamarbeit meine erfolgreiche Registrierung bewerkstelligt hatte, wurden dann Fotos geschossen. Sozusagen als Erinnerung. Und ich wurde herzlich verabschiedet. Bis zum 13. Mai, dann wissen aber alle wie das mit mir und meinen Nummern geht. 

Während meiner Wartezeit dort kamen auch zwei Gynäkologinnen aus der Gegend zum Impfen. Man bekommt das ja mit, aufgrund der Gespräche. Und ich habe wieder etwas gelernt. Kenianische Gynäkologinnen bevorzugen High Heels. Also besser noch High High Heels. Gerne in Lack und Knallfarbe. Naja, das mit der Integration ist ja so eine Sache. Ich hab zumindest drüber nachgedacht, bleibe dann aber doch lieber bei meinen geliebten sansibarischen Blümchensandalen. Vielleicht langweilig, aber näher am Boden.....

Impressionen:

Wartezonen überall


Feuerlöscher an jeder Ecke


Tore, Gitter, Wachschutz 






Listen, Listen und noch mehr Listen


rechte hintere Ecke


heißer Scheiß Astra


geschafft


Mittwoch, 17. März 2021

Frühstück mit Aussicht

Ja, wir waren mutig und nach unserem letzten Wochenenddesaster nicht abgeschreckt. Vielleicht haben wir auch zu viele Abenteuergene im Blut - wir wollten es jedenfalls nochmal wissen...

Nach einiger Recherche hatten wir erneut ein verträumtes Wochenenddomizil auserkoren und gebucht, die Kinder verkauft und natürlich (ich dachte, ich fass es nicht) Handwerker für den Samstagvormittag einbestellt.  Nämlich genau diese, welche schon beim letzten Mal nicht erschienen waren. 

Es sollte diesmal besser für uns laufen. 

Die Sonne schien, die Handwerker waren pünktlich und sogar die Kinder erstaunlicher Weise bereits gegen 10 Uhr wach und aufgestanden.

Und so hatten wir diesmal einen wesentlich besseren Start. Nach dem Desaster vor drei Wochen hatten wir uns diesmal für die altbewährte Strecke durch die Stadt entschieden. Und wir sollten belohnt werden. Kein Stau! Und das ist Samstag Mittag ein kleines Wunder. 

Und was für ein hübsches Hotel hatten wir ausgesucht. Klein, persönlich, wundervoll. Sogar meine Lieblingsrosen (Blanchette) waren überall im Haus verteilt. 

Und so genossen wir den gesamten Nachmittag und vertrödelten die Zeit. Ohne Computer, ohne Emails. Nur Bücher, Ruhe und Gin & Tonic. Was braucht es mehr....

Und es hätte ruhig so bleiben können. Tat es aber nicht. 

Manchmal frage ich mich wirklich, warum ausgerechnet uns manche Dinge passieren. Besonders die skurrilen. Ziehen wir sowas an? Warum? Was machen wir falsch?

Während wir uns also eben gerade an den für uns so liebevoll eingedeckten Frühstückstisch auf der Terrasse setzten und die ersten Schlucke des einigermaßen erträglichen Morgenkaffees genossen, stürmte ein kleiner Japaner mit Charlie Chaplin Frisur grußlos an uns vorbei  und wies das Personal an fünf seiner Koffer direkt vor unserem Frühstückstisch auf der Wiese abzuladen. Aha......

Und nun begann der Spaß. Ein Koffer nach dem anderen wurde sorgfältig ausgeräumt und die Sachen auf der Wiese vor unseren Augen verteilt. Nur um sicher zu gehen, dass ihr mich richtig versteht - Hosen, T-Shirts, Hemden, Badehose und so weiter. Souvenirs wären mir lieber gewesen. Ich bekam ein wenig Angst zu viele von den Unterhosen präsentiert zu bekommen. 

Da stand er nun, der kleine Japaner. 2 Meter vor unserem Tisch und bot uns großes Kino. Wir fingen an, uns neben Omelett, Fruchtsalat und Käsebrot köstlich zu amüsieren. Irgendwie erinnerte mich die Situation an einen der alten französischen Avantgarde-Stummfilme. Fehlte nur noch der Mann am Klavier, der nebenbei mit den Füßen in der Wasserschüssel planscht, um die passenden Geräusche zu produzieren. 

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte, ob das denn vielleicht ein Flohmarkt werden solle. Und siehe da, der Japaner sprach zu uns: er wäre ein Künstler aus Paris und möchte jetzt alle Dinge fotografieren, die er besäße. Er hätte nämlich auch einige Koffer bei einer Freundin mit dem gleichen Inhalt und wollte nun sichergehen, Dinge nicht in dritter Ausführung zu kaufen. Wäre ja auch exzentrisch, 3 T-Shirts zu haben oder vier Hosen. 

Es gibt Probleme, die verstehe ich schon aus genetischen Gründen nicht. Erzieherisch wurde ich ebenfalls anders geprägt. Meine Mutter brachte mir beizeiten bei, auf Fahrten in den Urlaub immer etwas Wichtiges zu vergessen, um dann Einkaufen gehen zu müssen. Sie hat das tatsächlich mal mit einem Wintermantel ausprobiert. Hat geklappt, aber ich glaube mein Papa hatte sie spätestens auf dieser Reise durchschaut. Einen neuen Wintermantel gabs dann am Urlaubsort trotzdem. 

Und während wir also unbeirrt weiter frühstückten, fing der Künstler an, seine ausgebreiteten Dinge zu fotografieren. Übersichtsfotografie sozusagen. Und um alles auf ein Bild zu bekommen, stieg er zunächst auf einen kleinen Stuhl an unserem Tisch. Ein Schritt weiter nach hinten und er hätte mit seinen nackten Füßen auf dem Tisch neben meinem Käsetoast gestanden. Hauptsache das Bild ist gelungen.....

Ich kenne diesen Künstler aus Paris nicht. Vielleicht ein armer Student, vielleicht tatsächlich einer von den etwas verrückten und bereits bekannten. Wer weiß.....

Wir hatten jedenfalls ein Frühstück mit Aussicht.....

Die Unterkunft können wir trotz allem, oder vielleicht gerade deshalb, uneingeschränkt empfehlen. 








Samstag, 13. Februar 2021

Valentine mit Hindernissen

Ach ja, wenn man es schon mal richtig schön haben will...

Irgendwie ergab sich kurzfristig die Gelegenheit wegzufahren, da unsere Kinder ihr gesamtes Wochenende mit Freunden verplant hatten. Außer Haus versteht sich....woanders ist es ja immer schöner.....

Nun war es nicht so einfach an diesem Valentinswochenende noch etwas zu finden, außerhalb der großen Stadthotels, von denen es durchaus reichlich gibt. Die sind auch sehr schön, wir wollten aber Ruhe.

Während der Sprechstunde am Freitag, und damit sozusagen zwischen 41 Patientinnen, entschied ich spontan. Nun ja.....ich liebe ja Überraschungen.....meistens.....

Buchen konnten wir nur Samstag auf Sonntag, da der Liebste für den Samstag Vormittag um 9 Uhr noch zwei Handwerker einbestellt hatte. Für Internet und Backofen. Beides wichtig. Beide erschienen NICHT. Sowas bringt uns ja nach nun fast vier Jahren nicht mehr aus der Ruhe. Naja, den Liebsten schon noch etwas, er war dann gegen Mittag am Telefon etwas lauter als gewohnt, als er die Termine verschob. Lag vielleicht auch ein bißchen daran, dass Brot und Milch alle waren und unser Frühstück sozusagen nahezu ausfiel. 

Wir schnappten uns also gegen Mittag unsere Weekender und ab ins Auto. Der Himmel über Nairobi zugezogen und grau. Ein Zeichen? Wir folgten diesmal einer von Google Maps vorgeschlagenen Route auf des Liebsten Telefon. Tatsächlich eine Strecke, die wir sonst nie nehmen. Wir wissen jetzt auch warum.....

Du heilige Makrele, war ich froh, dass nicht ICH diese Strecke ausgesucht hatte. Wir wurschtelten uns also durch das chaotische Inferno aus Bussen, Bussen, Bussen und gefühlt Millionen Menschen zwischen und neben den Autos (zum Glück nicht unter....aber viel hätte nicht gefehlt).

Irgendwann waren wir dann dem Chaos entflohen und kamen an. Ein Privatgrundstück, auf diesem ein Privathaus. Der Wasserkanister vorm Eingang leider leer, so dass mein erster Eindruck eingeseifte Hände waren. Das Haus stand offen, wir gingen hinein und durch und zurück. Wir waren offensichtlich allein. 

Irgendwann kam dann jemand und zeigte uns unser Zimmer. Sozusagen eine umgebaute Garage mit improvisierter 1m x 1m großer Terrasse zum Parkplatz. Die Einrichtung spartanisch und bis auf eine wunderschöne Lamubank an Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffen. Ich bin ja selten sprachlos..... Immerhin das Bad war sehr schön. 


Also nichts mit Honeymoon. Um der Grausamkeit zu entfliehen, beschlossen wir aufs Auspacken zu verzichten und erstmal im Garten einen Kaffee zu trinken. Und der war überraschend gut. In die dazu servierten süßen Kekse war allerdings eine Packung Kümmelsamen gefallen. Gewöhnungsbedürftig, aber essbar. 

Da saßen wir nun auf der Terrasse dieses wirklich wundersamen Hauses. Den Einrichtungsstil kann ich gar nicht beschreiben - es gibt keinen. Es ist ein heilloses Durcheinander von Alt und Neu, Schön und Häßlich. Absolut kurios. Neben alten kolonialen Möbeln hängen schrill bunte indische Vorhänge improvisiert an Strippen. Neben schönen Holzmöbeln und Sofas sind die Essmöbel aus schnödem blaßrosa angestrichenem Metall. Alles ein wenig vom Verfall gekennzeichnet.







Während Michael nach dem ersten Entsetzen mittlerweile recht entspannt war und demonstrativ sein mitgebrachtes gutes Hemd gegen seine St. Pauli Trainingsjacke ausgetauscht hatte, fragte ich kurzentschlossen nach, ob denn noch andere Zimmer frei wären und wir eventuell ein anderes haben könnten. Und TADA....wir konnten es kaum glauben....von den anderen fünf Zimmern waren fast alle frei. Uns wurde (dank meiner enttäuschten Miene) die schönste der freien Räumlichkeiten angeboten. 

Kennt ihr das, wenn beim Betreten eines Zimmers alles plötzlich besser ist? Diesmal war es ein Zimmer mit Fenster! Zum Garten hin. Immer noch mit farblich fragwürdigem Betthimmel und Moskitonetz, aber nun ein bißchen mehr in Richtung TausendundeineNacht, als zuvor Hilfspuff an der Autobahn. 

Wir haben uns jetzt im gemütlichsten Raum des Hauses niedergelassen. Ich sitze auf dem Sofa und schreibe, der Liebste lümmelt im Sessel und liest. Das Kaminfeuer prasselt und Gin und Tonic werden regelmäßig nachgeliefert.  Von einer einarmigen Househelp mit Gipsarm.  

Mal sehen, was noch so kommt........