Montag, 14. Oktober 2019

Von Zugerfahrungen und einer unerwarteten Seereise

Ja, Zugfahren kann Spaß machen. Hab ich früher ganz oft getan. In den Sommerferien mit meiner Oma. Sie wohnte nicht weit vom Bahnhof und manchmal, wenn wir nichts anderes zu tun hatten,  fuhren wir fünf Stationen in eine Richtung und dann wieder zurück. Damals gab es noch so hübsche kleine Wärterhäuschen und eine ältere Dame mit Hut, die diese kleinen Pappkarten abknipste, die wir zuvor im Bahnhofsgebäude erworben hatten.
Ich war damals etwa 9 Jahre alt.

Natürlich bin ich in meinem Leben seither noch öfter mal Bahnkunde gewesen. Mit und ohne Verspätungen, meistens mit Sitzplatz und netter Begleitung.

Nun sollte es also das erste Mal in Kenia soweit sein. Vor einiger Zeit (wir könnten eigentlich noch von Monaten sprechen) haben die Chinesen hier eine imposante Bahnstrecke gebaut. Von Nairobi nach Mombasa. Das ist auch sinnvoll, um den völlig überfüllten Mombasa Highway zu entlasten.

Wir hatten gehört, dass die Chinesen die kenianischen Arbeiter und Kollegen während der Bauzeit sehr schlecht behandelt hatten. Arrogant und überheblich seien sie aufgetreten. Von den Bauarbeiten bis zur Schulung des kenianischen Zugbegleiterpersonals. Von Unterdrückung und Schikane war die Rede. Meine Meinung dazu kennt ihr ja.

Nun, nach einiger Zeit ziehen sich die Chinesen hier zurück und der Zugbetrieb liegt größtenteils in kenianischer Hand. Wie es hinter den Kulissen aussieht, weiß ich leider nicht.

Das vor Betreten des Bahnhofs Personen und Gepäck stärker kontrolliert werden als am Flughafen habe ich ja bereits geschrieben. Und im Zug wurde es noch skuriler. Um überhaupt in eingelassen zu werden musste man sich in einem 90 Grad Winkel zur Zugtür anstellen. Eine schräge Schlange wurde nicht akzeptiert und unsere Positionen auf dem Bahnsteig umgehend mit strengem und keinen Widerstand duldendem Blick korrigiert. Meinetwegen.
Eine durchaus attraktive kenianische Dame im Zugbegleiterkostüm mit feschem Hütchen kontrollierte dann unsere Fahrkarten, die den kleinen Pappfahrkarten aus Kindheitstagen durchaus ähnelten.
Nun waren wir also endlich drinnen. Wir hatten 2. Klasse gebucht, weil das durchaus preiswerter war.
Konnte auch keine schlechte Entscheidung gewesen sein, da einige Bekannte aus Schule und Kirchgemeinde ebenfalls einstiegen.

Und doch war es sehr sehr eng. Auf der einen Seite zwei Zweiersitze gegenüber, auf der anderen Seite das selbe mit Dreiersitzen. Das ist auch durchaus in Ordnung so. Allerdings war der Abstand zwischen den sich gegenüberliegenden Sitzreihen gerade mal ausreichend für ein Beinpaar. Nun stellt euch mal vor, ihr sitzt da so in einer Dreierreihe und euch gegenüber ebenfalls drei (euch fremde) Leute und alle sechs versuchen nun  eine einigermaßen, für sich und die anderen, akzeptable Position für die Beine zu finden. Ziemlich aussichtslos.....

Bei nur halb ausgebuchtem Zug ist das zu tolerieren. Dann können sich Familien wenigstens zusammensetzen. Wir waren gut verteilt. Unser Zug war voll!

Kaum war der Zug in Bewegung kam unsere attraktive kenianische Zugabteilsbeauftragte erneut und kontrollierte wiederholt die Fahrkarten. Es wurde überprüft, ob der korrekte Sitzplatz eingenommen worden war, außerdem notierte sie handschriftlich, wer vor Mombasa den Zug verlassen wollte. Da wir den zeitlich günstigeren Bummelzug gewählt hatten, lagen ja reichlich Zwischenhalte auf der Strecke.
Kaum war das geschehen, begann unsere Zugabteilsbeauftragte mit ihrer Lieblingsbeschäftigung. Dazu müsst ihr wissen, dass sämtliche Gepäckstücke auf den jeweils oben seitlichen Gepäckablagen, die das gesamte Abteil durchzogen, verstaut werden mussten. Die Ablagen bestanden aus Streben. Die Aufgabe der Dame, streng geschult durch die Chinesen, bestand nun darin, dass kein winziges Teilstückchen durch diese Streben nach unten durchhängen durfte. Passierte das nämlich (und das kam bei den vielen Rucksäcken und deren Riemen recht häufig vor), kam sie, stieg mit einer Unterlage auf die Sitze und steckte die herunterhängenden Teile wieder zurück.
Wir hatten reichlich junge Herren bei uns im Abteil, ab 12 Jahren aufwärts, die daran ihre Freude hatten.....

Während wir uns nun also in den folgenden 6 Stunden wie die Ölsardinen fühlten, wurde der Gang durch eine eigens angestellte Reinigungskraft 4 x gefegt und 3 x gewischt. Ich habe den Sinn dieser Aktion nicht verstanden, da es ja gar nicht schmutzig werden konnte. Aber wenn der Chinese sagt, es wird 4 x gefegt und 3 x gewischt, dann wird das auch so gemacht. Job ist Job.


Über der Tür in unserem Abteil waren dann auch, damit es ja niemand vergisst, die kenianische und die chinesische Flagge angebracht. Die chinesische Flagge hing schief. Ich vermute ein heimlicher Racheakt der Kenianer.....

Leider ließen sich die Fenster nicht öffnen. Aber es muss da im Zug so einen Mechanismus geben. Immer wenn die Luft unerträglich dick und stickig wurde, kann aus von mir unentdeckten Lüftungsschlitzen Frischluft ins Abteil.

Mit der Zeit wurden wir dann auch im Zug etwas mobiler, standen immer mal auf und im Gang, die Kinder besuchten Freunde im Nachbarabteil. Das machte es dann erträglicher...

Fazit:  es ist ein Abenteuer und geht schon irgendwie, aber wer irgend kann, sollte die 20 $ mehr pro Person für ein 1. Klasse Ticket investieren.

Angekommen in Mombasa erwarte uns so eine Art Weltuntergang. Alle Schleusen des Himmels waren geöffnet. Es goss in Strömen. Leider war es den Taxifahrern nicht erlaubt, bis zum Ankunftsterminal zu kommen. Und so mussten wir mit unseren Koffern durch den strömenden Regen bis zum Parkplatz wandern. Dort war es allerdings leicht ein großes Taxi mit Sitzplätzen für uns alle sieben incl. Gepäckstauraum zu finden.



Die Autofahrt war dann eher eine Seereise. Aber irgendwann, nach kurzem Zwischenstopp im SOS Kinderdorf, kamen wir an.

Bei Sonnenschein!


Sonntag, 13. Oktober 2019

Die Reise nach Kilifi oder wie Michael zum Helden wurde

Da bin ich wieder. Es waren tatsächlich anstrengende und prall gefüllte letzte Wochen, aber nun haben sich sogar meine Kinder bei mir beschwert. Und zwar über meine Nichttätigkeit bezüglich des Schreibens. Also diesmal, lieber Joschi & Kostja, dieses Mal schreibe ich ganz besonders für euch.

Kilifi sollte es diesmal sein. Und von hier schreibe ich auch heute. Eine wunderbare Woche Herbstferien liegt vor uns. Und es ist tatsächlich eine Gelegenheit mal wieder viele Dinge das erste Mal zu machen. Zum Beispiel mit dem Zug von Nairobi nach Mombasa zu fahren, mit den Kindern und  ohne Michael zu verreisen (dafür mit einer wunderbaren Freundin und deren Kindern), in einer Eco Lodge zu wohnen und nicht im Strandressort mit all inclusive. Ihr seht, die nächsten Tage werden mir reichlich Stoff zum Schreiben bieten.

Aber ich will mit dem Anfang der Reise beginnen. Und der war nicht Ohne. Mal abgesehen davon, dass sich das Buchen der Tickets im Internet vor einigen Wochen als sehr einfach gestaltete, war ich doch davon irritiert, dass es streng verboten ist, Alkohol im Koffer zu transportieren. Echt jetzt? Also ich meine, wir reden hier von einem Zug. Mein Naturell neigt ja wie bekannt dazu, sich manchen Dingen im Leben zu widersetzen. Ich hatte es im letzten Jahr geschafft ein Ultraschallgerät im Koffer und den riesigen Lithium Akku in meiner Handtasche nach Kenia zu bringen, da sollten doch 2 Fläschchen nicht das Problem sein.  Gesagt, getan.
Also landeten jeweils eine Flasche Rotwein und eine Flasche Sekt, sorgfältig eingewickelt in Kikoys, in meinem Koffer.

Mit einem guten Zeitpuffer kamen wir dann, dank Michaels sportlichem Fahrstil, gestern morgen am Bahnhof in Nairobi an. Und es lagen, wie wir lernen mussten einige Kontrollen vor uns. Die erste direkt an der Einfahrt auf den Parkplatz. Wir sahen schon von weitem, wie die Autos vor uns in vier Reihen anstanden, alle Insassen aussteigen mussten und die Autos gefilzt wurden. Wir blieben drinnen sitzen und der spezielle Ausweis half uns, ohne Kontrolle zu passieren. Na wunderbar.

Wir fühlten uns mit unserem Wein nun bereits in Sicherheit. Pustekuchen. Nach Aussteigen und einigen Metern mit dem Gepäck über den Schotter standen wir vor der nächsten Kontrolle. Da half dann auch kein Ausweis mehr. Und es war echt schräg. Sowas habe ich tatsächlich noch nicht erlebt. Zuerst wurde getrennt nach Frauen und Männern. Kinder durften sich den gleichgeschlechtlichen Elternteilen anschließen. Eine bestimmte Anzahl an Menschen wurde in einen Gang geführt und alle mussten sich nebeneinander aufstellen.


Das Gepäck musste man auf einer Art Schiene gegenüber Platzieren. Diese Situation an sich war schon skurril. Die Menschenschlange bildete sozusagen gemeinsam mit dem nun gegenüberliegenden Gepäckstücken so eine Art Spalier.



Und nein, es kam kein Brautpaar. Dafür 2 Polizistinnen mit jeweils einem Hund. Die Hunde nahmen jedes einzelne Gepäckstück gründlich unter ihre Nase. Wahrscheinlich sind sie auf Sprengstoff trainiert, unseren Alkohol haben sie jedenfalls nicht erschnüffelt.

Glücklich konnten wir also unsere Koffer greifen und standen prompt vor der nächsten Kontrolle. Diesmal ein Kofferscanner. Mist....jetzt hatten sie uns.
Und tatsächlich, der besagte Koffer wurde umgehend zur Seite genommen und sehr streng die Öffnung desselben gefordert.


Und das sind dann die Momente, in denen der Liebste die Gelegenheit hat zum Helden zu werden.  Und er hat sie genutzt! Es dauerte natürlich, aber er verweigerte mit Hinweis auf den besonderen Ausweis vehement die Öffnung. Auch den Hinweis, das der Scanner im Inhalt zwei Flaschen detektiert hatte, ließ er nicht gelten. Und so wurde vom Sicherheitspersonal viel telefoniert, ein Vorgesetzter nach dem anderen dazugerufen, letztendlich die Bahnhofspolizei involviert und es nützte ihnen trotzdem nichts. Der Liebste blieb standhaft und letztendlich konnten wir nach 20 Minuten Verzögerung mit Koffer samt Wein passieren. Hallelujah!

Es folgte dann im Gebäude noch eine weitere Scannerkontrolle, denen war es dann aber egal.
Wir feierten den Erfolg dann in der Wartehalle erstmal mit Cappuccino und heißer Schokolade.






Die Zugfahrt an sich ist dann die nächste Geschichte wert. Bleibt gespannt....



Samstag, 14. September 2019

Ein Fest für Hildah oder 200 Kikuyu und ich

Oh man oh man. Das war was. Da war ich nun also zu Hildahs Beerdigung eingeladen worden. Irgendwo draußen auf dem Land. Zum Glück hatte ich Mitfahrer im Auto, die mir den Weg ins Hinterland weisten. Ich hatte im Medical Center angeboten, drei Leute mitzunehmen. Es warteten fünf auf mich. Ich solle mir keine Sorgen machen, ich hätte ja ein rotes Nummernschild. Gesagt getan. Alle irgendwie ins Auto gestapelt. Und dann ab ins Nirgendwo. Weit ab vom Schuss ins Hinterland. Zunächst noch über Straßen, später waren es nur noch holperige Feldwege.

Wie erwartet war es eine große Trauergemeinde. Alle fröhlich bunt angezogen. Das ganze Dorf war zusammengekommen. Die Feier fand im Garten der Eltern statt, in dessen Mitte ein wirklich schöner weißer Sarg aufgebahrt war. Nun waren die Feierlichkeiten bei unserem Eintreffen bereits in vollem Gange. Wir fünf versuchten uns am Rande zu halten, jedoch kaum entdeckt wurde ich ins Zentrum gezogen und auf  einen Stuhl drapiert.

Hildah im Sarg, ich auf einem Stuhl und um uns 200 Kikuyu. Es war irgendwie bizarr.
Und ergreifend.

Und es war ein Fest!

Es wurden unzählige Reden gehalten. Traurige, lustige, meist auf kikuyu, manche auf englisch (mir zu Ehren). Es wurde stundenlang gepredigt, gebetet, getanzt und sich ab und zu in Ekstase gesungen. Hier und da fiel jemand um. Wie mir erklärt wurde gehören die Ohnmachtsanfälle zum Ritual.

Und ich konnte beobachten, wie die Zeremonie, die der Priester leitete, tatsächlich therapeutische Bezüge aufwies. Er lies die Menschen weinen und schreien und hatte ein gutes Gespür dafür, wann es genug war. Dann erfolgte der Wechsel zu Witzen. Und so war es stundenlanger Wechsel der Gefühle.

Hildah wurde dann mit ihrem Sarg im elterlichen Garten zwischen Maispflanzen und im Schatten von drei Bananenstauden begraben. Alle durften irgendwie dabei helfen. Und dann standen wir da, dicht gedrängt um das Grab. Haben jeder eine Hand voll Erde geworfen und nach dem Zubuddeln der Grube Blumen auf den Erdhügel "gepflanzt". Meist Mitbringsel vom Wegesrand, wir hatten ein paar Rosen dabei.


Und während noch die Blumen der Reihe nach aufs Grab gelegt wurden, erschallte aus einem Zelt im Garten bereits Partymusik. Jetzt wurde gefeiert. Und gegessen. Es gab Unmengen an Reis, Kohl und Bohnen. Alle Nachbarn hatten gekocht und das Essen in riesigen Waschschüsseln mitgebracht. Hallelujah.

Und so entsetzlich traurig wir auch alle waren, irgendwie war dieser Nachmittag heilsam.
Für uns alle.

Dem Baby geht es soweit gut. Demnächst davon mehr.

Montag, 9. September 2019

Werwölfe in meiner Küche?

Kennt ihr das? Wenn man so in seine Arbeit vertieft ist und seine Umwelt nur partiell wahrnimmt? Ich befinde mich jedenfalls öfter in einem solchen Zustand. Sehr zur Freude meiner Kinder, die solche Gelegenheiten mittlerweile sehr rasch erkennen und sich Zustimmungen von mir zu unterschiedlichsten Vorhaben einholen. Sie haben sehr schnell gelernt, dass ich in diesen Momenten nur mit halbem Ohr zuhöre und ein "Ja, ist ok." sehr unkompliziert in der Tasche haben.

Heute Vormittag gab es wieder so eine arbeitsintensive Phase. Ich hämmerte konzentriert auf die Tasten meines Computers ein, während Metrine, unsere Haushaltsfee, in der Küche wirtschaftete. Und irgendwann stand sie dann neben mir. Und irgendwie etwas außer sich berichtete sie mir, das wir in der Küche ein Problem hätten. Ich vermutete wie gewohnt die Wasserleitung als Ursache ihrer Aufregung. Aber nein, rief sie. Wir hätten Werwölfe in der Küche. Ah, ja. Na gut. Was?????

Mmh, nun wurde ich doch aufmerksam. Ich fragte nochmal nach. Ja, es wären Werwölfe. Mehrere! Ich dachte ja immer noch, ich hätte mich verhört und ließ mir das Wort erst buchstabieren und dann aufschreiben. Es blieb dabei...Werwolf. Dabei haben wir den nächsten Vollmond erst Ende der Woche. Und Boniface ging im Garten hörbar seiner Lieblingsbeschäftigung nach - Hecken verschneiden. Er konnte es jedenfalls nicht sein.

Ich nutze die Gelegenheit gerade am Computer zu sitzen und bat das www. um Bilder zum Subjekt.


Nun sah mich Metrin ganz entsetzt an. Nein, unsere sähen anders aus. Und wären auch viel kleiner.
Na, da war ich aber beruhigt.

In unserem Reisvorratsglas tummelten sich munter lauter kleine Käferlein. Aufgrund der Größe der Population nahm ich an, dass wir sie samt Reis bereits beim Kauf miterworben hatten. Als Bonus sozusagen.




Wir haben die Kornkäferlein pragmatisch samt Reis in Hundefutter umfunktioniert und gekocht. Immerhin sind sie doch recht proteinhaltig. Und so hat sich wenigstens einer von uns über die Plage gefreut.
Unser Whisky.

Mittwoch, 4. September 2019

Hildah ist tot

Ach man. So eine verdammte Scheiße. Manchmal hab ich einfach keine anderen Worte.

Hildah ist tot. 34 Jahre und gerade mal in der 32. Schwangerschaftswoche.

Ja, Hildah war sehr sehr herzkrank. Und es war absolut unglücklich von ihr, zum Zeitpunkt ihrer großen Herzklappenersatz-OP schwanger zu werden. Und nach vielen Gesprächen mit ihr im Medical Center und noch mehr Pro und Kontra hatte sich Hildah für das Austragen des Babys entschieden.

Das Baby entwickelte sich prächtig, Hildah baute zunehmend ab. Die kardiologische Betreuung war nahezu nicht vorhanden. Obwohl hier die größte und angeblich beste Klinik Kenias involviert war. Aller vier bis fünf Wochen mal eine Konsultation. Wenn überhaupt.

Geplant hatten wir in zwei Wochen einen Kaiserschnitt. Aber es sollte nicht so sein...


Hildah hat das Baby gestern zu Hause bekommen. Allein. Irgendjemand hat sie danach in eine kleine staatliche Klinik gebracht, welche sie aufgrund der dramatisch verschlechterten Herzsituation rasch ins angeblich beste Krankenhaus Nairobis verlegt hat.
Nämlich genau in die Klinik, in der ihr Herz operiert worden war und in der die Nachsorge nahezu nur theoretisch stattgefunden hatte.
Dort wäre sie fast nicht behandelt worden, erst eine Email aus Deutschland, die eine Kostenübernahme bestätigte, ermöglichte überhaupt die Aufnahme.
Zu spät.....
Hildah hat die Nacht nicht überlebt.

Manchmal könnte man einfach nur brüllen, aber ich weiß gar nicht, wen ich hier anschreien soll. Das Gesundheitssystem ist eine Katastrophe, auch wenn es manchmal anders erscheint.
Nichts geschieht ohne Vorkasse.

Und ja, natürlich bieten die großen Kliniken alles an. Vom Herzklappenersatz bis zur Nierentransplantation.




Ist doch prima, so ein Paket. Da kommt man dann mit seinem selbstausgesuchten (oder gekauften) Spender und hat sogar noch 14 Tage Nachsorge inclusive. Wahrscheinlich telefonisch. Und die Laboruntersuchungen vor und nach der OP bekommt man für die Hälfte des ansonsten exorbitant überhöhten Preises. Ein Schnäppchen!

Und bei Hildahs Herzen lief es genauso.
Was für eine immense Ungerechtigkeit in dieser Welt.

Hildahs Baby ist noch im Krankenhaus. Ein 1700 g Bündel ohne Mama. Zum Glück ziemlich fit. Viel wird hier nämlich nicht für Frühchen getan.

Vielleicht wäre Hildah auch in Deutschland gestorben. Ich weiß es nicht. Aber dort hätte man wenigstens alles menschenmögliche versucht, ihr zu helfen.



Montag, 26. August 2019

Ostseesommer oder ein Hoch auf Quedlinburg

So viel Zeit ist vergangen. Und ehrlich gesagt, ich habe diese Pause gebraucht. Keine Schule, keine Kirche und auch kein Schreiben. Herrlich. Nur Familie und alle Kinder und Ostsee und Strand. Mehr hab ich nicht gebraucht.

Wir haben soviel erlebt, unzählige Freunde getroffen, gefeiert, geschnattert und manchmal auch einfach zusammen geschwiegen. Unübertroffener Höhepunkt war allerdings eine wundervolle Strandhochzeit.


und das Relaxen danach. Auch so kann Heiraten gehen.....




Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich zugeben, dass ich in den letzten Tagen in Deutschland dann doch irgendwie ein bißchen Heimweh hatte. Nach Afrika, nach diesem unendlich saftigen Grün, nach der satten roten Erde, nach unseren Affen im Garten, Whisky unserem Hund und Bubbles dem Kater.
Natürlich nicht, nach den horrormäßigen Preisen für Lebensmittel. Aber auch da haben wir vorgesorgt.


Ich bin sicher, damit kommen wir ne Weile über die Runden.

Und nun hat uns der Alltag seit drei Tagen wieder.
Und wir sind nicht allein zurückgekommen. Nein, keine Angst, ich bin NICHT schwanger!
Wir haben Mila mitgebracht.


Mila ist Gastschülerin an der Deutschen Schule und gerade Familienmitglied auf Zeit. Klappt prima!

Und während ich kopfschüttelnd beobachte, wie sich der Liebste mit Luxusproblemen herumschlägt ("gebe ich den nächsten Kurs auf Mauritius oder den Seychellen?") hat mich der Alltag wieder im Griff. Schule, Kirche, Medical Center. Und natürlich Freunde, Schnattern, Verabredungen.

Ach ja, es ist noch etwas ganz wunderbares geschehen. Sogar schon ganz knapp vor den Ferien. Ein  Reisegast einer Freundin hat sich mal so richtig ins Zeug gelegt. Dieser Rigo hat es doch tatsächlich geschafft in Quedlinburg, einer zauberhaften Stadt im Harz, unzählige Freunde zu aktivieren. Und sie haben gesammelt. Medikamente, Verbandstoffe, Blutdruckmessgeräte, Brillen, Nahtmaterial, Skalpelle, unzählige Dinge mehr und sogar ein Spekulum. Rigo hat so ziemlich jedes freie Gramm seines Freigepäckes ausgenutzt. Obendrein noch eine mehr als großzügige Spende für die Sanitary Pads. Wir werden diese in ein Kinderheim bringen, welches der Spender ausgesucht hat.
Und nun können wir endlich eine einigermaßen vernüftige medizinische Versorgung einer kleinen Slumschule aufbauen, in der so gut wie kein Kind eine Krankenversicherung besitzt.
Ich werde in meinem nächsten Beitrag mehr dazu berichten.

Danke Rigo und Doro! Danke Quedlinburg


Dienstag, 2. Juli 2019

von Farewell, Nägeln und Kuhhäuten

So, nun also noch zwei Tage. Ich muss zugeben, ich bin für meine Verhältnisse ziemlich entspannt.
Es ist zwar noch nicht ein einziger Koffer gepackt, aber was solls. Die Wäsche wäscht sich hier von allein und liegt jeden Nachmittag wieder frisch gebügelt in den Schränken. Da kann man das Packen auch schonmal auf den letzten Moment hinausschieben.
Selbst Johanna hat schon ihren neuen Reisepass und darf damit nach den Ferien problemlos wieder einreisen. Nicht so ein Theater wie mit Raphael im letzten Sommer. Auf unsere Diplomatic cards haben wir nun allerdings seit Ende Februar gewartet. Die sind wichtig, vor allem bei der Rückreise. Wie soll ich sonst den ganzen Käse und die 30 Salamis ins Land bringen. Nun ja, wir haben die neuen Karten immer noch nicht bekommen, dafür die alten zurück. Fünf Monate Bearbeitungszeit waren wohl zu kurz. Nun sind die alten zwar abgelaufen, aber immerhin. Ich hoffe, da schaut keiner so genau hin. Wir werden dann im August einen neuen Anlauf unternehmen. Mal sehen.....
Selbst das Auto scheint derzeit gesund zu sein. Nach Wechsel von Batterie und Bremsscheiben wies mich letzte Woche einer der Guards der Schule darauf hin, dass ein dicker fetter Nagel in meinem rechten Vorderreifen stecken würde. Ach du liebe Güte.
Luft war im Reifen noch genug und an der nächsten Tankstelle wurde mir auch prompt geholfen.







Es sah abenteuerlich aus, dauerte drei Minuten und dann war das Loch mit so einer Art Radiergummi gestopft. Hallelujah. Kenianisch, aber egal. Es hat funktioniert.

Selbst den Partymarathon haben wir nun hinter uns. Irgendwie sind die letzten beiden Wochen des Schuljahres hier eine emotional wahnsinnig anstrengende Zeit. Abschiedszeit, um genauer zu sein. Viele gehen und so gibt es eine Farewellparty nach der nächsten. Wir sind in den letzten Wochen zu Partyhoppern geworden. Das ist anstrengend, meistens auch schön und manchmal skuril.
Am vergangenen Wochenende stand am Sonntagnachmittag als letztes die Abschiedsparty eines Arbeitskollegen von Michael auf dem Plan. Franzose. Wir hofften, da das die dritte Veranstaltung in zwei Tagen war, auf ein relaxtes Come together im Garten. Käse, Wein, Baguette und Rumlümmeln in Korbstühlen. Pustekuchen. Der sonst so introvertierte Franzose ist mit einer Westafrikanerin verheiratet. Und das sah dann so aus: viel zu viele unbequeme Stühle in einem dafür viel zu kleinen Zelt. Und Unterhaltung.  Viel zu laut. Die anwesenden Damen wurden dann gebeten, an einer Modenschau teilzunehmen und mussten dann unter dem Gejohle von ca. 80 afrikanischen Zuschauern durch den Garten stolzieren. Wir hatten uns bereits im Vorfeld über den überhaupt erbetenen Dresscode gewundert. Weiß mit ein bisschen Gold. Nun war uns klar warum. Weder der Liebste noch ich wollten tanzend vor der Meute durch den Garten stolzieren, um an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Außerdem waren wir etwas hungrig. Da kam uns das Buffett ganz recht.




Ich habe mich dann an die Beilagen gehalten. Kartoffeln und Spinat. Von dem anderen möchte ich bis heute nicht wissen, was das war. Der Liebste meinte mit Kennerblick, dass es sich wahrscheinlich um gegrillte Kuhhaut handelt.

Wir haben uns dann noch weiter nach hinten verkrümelt. Das war ganz gut so, denn dort fanden wir eine improvisierte Bar. Und der Moment war gekommen, an welchem ich das Gefühl hatte Alkohol zu benötigen, um den Nachmittag einigermaßen zu überstehen. Ich bat also den Barman um ein Glas Weißwein. Ich bekam einen kleinen weißen Plastikbecher mit 2 cl Inhalt. Ich hab dann versucht, diesem Herren zu erklären, dass ich gern mehr Wein in meinem Becher hätte. Das hat er nicht verstanden. Mittlerweile war ich so entnervt, dass ich letztendlich unter seinen entsetzten Augen zur Selbstbedienung übergegangen war.
Besondere Umstände erfordern schließlich besondere Maßnahmen.