Samstag, 19. Juni 2021

Von Schutzengeln, Stullenalarm und Sanitary Pads

Was lange währt wird endlich gut? Ich weiß nicht, das mag ja für einige Dinge im Leben zutreffen. Für vieles aber eben nicht. Diese wahnsinnig lange Zeit der Coronatrennung machte uns und unseren Kindern jedenfalls arg zu schaffen. Man kann das ganz gut überbrücken, aber es gibt Situationen, da geht es eben nicht mehr. Gott sei Dank war es mir möglich in der vergangenen Woche völlig ungeplant und mehr Hals über Kopf in einer doch notfälligen Situation, ein paar Tage zu den großen Kindern zu fliegen. Es war gut und nötig. In drei Wochen werde ich wieder dort sein. 

An meinen Schutzengel        

Den Namen weiß ich nicht. Doch bist du einer
Der Engel aus dem himmlischen Quartett,
Das einstmals, als ich kleiner war und reiner,
Allnächtlich Wache hielt an meinem Bett

                                                        Wie du auch heißt – seit vielen Jahren schon
                                                         hältst du die Schwingen über mich gebreitet
                                                               Und hast, der Toren guter Schutzpatron,
                                                         Durch Wasser und durch Feuer mich geleitet.

Du halfst dem Taugenichts, als er zu spät
das Einmaleins der Lebensschule lernte,
Und meine Saat, mit Bangen ausgesät,
Ging auf und wurde unverhofft zur Ernte.

Seit langem bin ich tief in deiner Schuld,
Verzeih mir noch die eine – letzte – Bitte:
Erstrecke deine himmlische Geduld
Auch auf mein Kind und lenke seine Schritte.

Er ist mein Sohn, das heißt: er ist gefährdet.
Sei um ihn tags, behüte seinen Schlaf.
Und füg es, dass mein liebes schwarzes Schaf
Sich dann und wann ein wenig weiß gebärdet.

Gib du dem kleinen Träumer das Geleit,
Hilf ihm vor Gott und vor der Welt bestehen,
Und bleibt dir dann noch etwas freie Zeit,
Magst du bei mir auch nach dem Rechten sehen.

Ein Gedicht an den Schutzengel von Mascha Kaléko

 

Seit gestern früh bin ich wieder zurück in Nairobi. Und bis auf die von meiner Mama mitgegebenen Stullen für den Flug (ich mag das Flugzeugessen nicht) war auch alles unkompliziert. Mamas Stullen nämlich brachten die Beamten an der Sicherheitskontrolle des neuen BER tüchtig ins Schwitzen. Sie lösten nämlich Alarm aus. Da mir auf meinen Flügen seit Jahren immer seltsame Dinge passieren, bringt mich so ein Alarm nicht mehr aus der Ruhe. Es brauchte jedenfalls mehrere Durchleuchtungen, mehrmaliges Ein- und Auspacken in einem gesonderten Bereich und insgesamt drei (!) Sicherheitsbeamte, um herauszufinden, dass die Alufolie Ursache des Übels war. Einer der Beamten bekam tüchtig Appetit, die Leberwurststulle duftete....und es war Mittagszeit - ich habe ihm nichts abgegeben. Immerhin durfte ich dann samt Proviant passieren.

Und nun habe ich einen Tag, um die nächste Reise vorzubereiten. Die Reisen zu den Schulmädchen mit den waschbaren Sanitary Pads mussten auch aufgrund von Corona wieder und wieder verschoben werden. Egal, nun aber endlich, morgen früh gehts los. Ganz weit hoch in den Norden. Dahin, wo es am nötigsten ist. 

Ich werde begleitet von drei wunderbaren Freundinnen und meiner Sprechstundenhilfe Esther aus dem Medical Center. Mit zwei Autos, 850 Beuteln of Sanitary Pads, zusammengewürfeltem Proviant, einem Erste Hilfe Koffer für Notfälle, guter Laune und einigen Flaschen Rotwein machen wir uns morgen früh auf die weite Reise. 

Auf ins nächste Abenteuer.......




Sonntag, 21. März 2021

Kiambu Level V Hospital oder Was ich als Gynäkologin noch lernen kann

 Manchmal geschehen ja Wunder, zuweilen sogar mir.

Auf meine Nachfrage am Mittwochnachmittag im Medical Center, wie weit die Erstellung der Impflisten für unser medizinisches Personal vorangeschritten sind, bekam ich zur Antwort, dass alles erledigt und geprüft wäre und ich ab sofort ins Kiambu Level V Hospital fahren könnte, um die Impfung zu erhalten. 

Nun lebe ich ja schon vier Jahre hier. Immerhin lang genug, um realistisch einschätzen zu können, dass ich das niemals in diesem Krankenhaus allein auf die Reihe bekommen würde. Was also tun? Umgehend ging mein Angebot per WhatsApp raus ans Medical Center, ob denn jemand vom Staff gleich am nächsten Morgen mitkommen und meine Fahrdienste in Anspruch nehmen möchte. 

Ich hatte Glück. Immerhin zwei. Alle anderen hatten Angst und wollten erstmal abwarten, ob wir drei die Impfung überleben. Aha......

Also ging es gleich am Donnerstagmorgen los. Und zwar in die entgegengesetzte Richtung, um zunächst erst einmal meine kenianischen Mitimpfwilligen abzuholen. Mit Boniface und Mother Leah waren wir nun zu dritt auf dem Weg ins größte und beste Krankenhaus im County Kiambu. 

Zu finden war es leicht, Einfahren durfte man jedoch nicht. Da half dann auch kein rotes Nummernschild. Also machten wir uns auf Parkplatzsuche auf den Straßen davor. So richtige Parkplätze gibts da nicht, die meisten kommen wahrscheinlich auch mit anderen Verkehrsmitteln. Irgendwo fanden wir dann eine kleine Lücke auf einem sandigen Streifen zwischen ein paar Straßenhändlern. Hätte ich meine kenianischen Begleiter nicht bei mir gehabt, hätte ich überhaupt nicht auf die Dame im gelben Kittel eine Straße weiter geachtet. Ich wurde jedenfalls darauf aufmerksam gemacht, dass wir nun hier, bei der gelben Dame eine Parkgebühr zu entrichten hätten. Na das war ja mal interessant. Sie war geduldig mit mir und führte mich an meinem Handy Step by Step durch einen 7 Schritte umfassenden Bezahlprozess der Parkgebühr in Höhe von 100 Ksh. Als Empfänger dieser Gebühr wurde dann die Landesregierung von Kiambu ausgewiesen. Naja, die sollten die Parkgebühren vielleicht mal nutzen, um Parkplätze zu schaffen, oder jemanden, der auf die Autos aufpasst. Aber nun gut, es funktioniert ja auch ohne Improvement.....

Nach also nun langwierigem Bezahlprozess traten wir also durchs Tor des Krankenhauses. Überall Zelte und hunderte von ordentlich in Reihen aufgestellten weißen Plastikstühlen. Wir fragten uns durch, verirrten uns, fanden den Weg wieder, passierten schwer bewachte Tore und waren nach einigen Irrwegen endlich an der Stelle angekommen, an welcher der heiße Stoff verimpft wurde. Eine winzige unscheinbare Hütte mit weit geöffneter Tür und reichlich Personal darinnen. Davor eine Traube von ca. 20 Menschen. Es dauerte etwas, bis wir den Prozeß durchschaut hatten. Auch wenn alles wie ein chaotisches Durcheinander wirkte, war es doch erstaunlicherweise irgendwie organisiert.

Zunächst bestand unsere Aufgabe darin, zu warten. Auf was auch immer. Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass Geduld sich hier oft auszahlt. Ab und zu trat eine junge Dame aus dem kleinen Kabuff und einige von uns hatten die Möglichkeit sich bei ihr in ein Buch einzutragen und anzumelden. Zumindest Namen, Telefonnummer, Arbeitsort und so. Naja, nun standen wir immerhin schonmal in einem Buch. Einer nach dem anderen wurde dann in diese Hütte gebeten, um sich zunächst auf einen Stuhl in der rechten hinteren Ecke zu setzen, im Anschluß nach Aufforderung auf einen Stuhl in der linken Ecke zu wechseln und sich dann dort in ein zweites noch größeres Buch einzutragen. Hatte man dieses Procedere erfolgreich bestanden, erhielt man in aller Öffentlichkeit die Impfung. 

Nachdem ich es also ins Kabuff bis auf den Stuhl in der rechten hinteren Ecke geschafft hatte, wurde ich nach kurzer Wartezeit aufgefordert, meinen Sitzplatz auf den Stuhl in der linken Ecke zu verlagern. Dort wurden dann alle Daten nochmal in das zweite große Buch aufgenommen. Diesmal inklusive der Pass-ID Nummer. Nun habe ich ja gar keinen richtigen kenianischen Pass, sondern nur den für Diplomaten. Und jetzt wurde es schwierig. Während ich also alle meine Daten in das große Buch eintrug, tippte ein Krankenhausangestellter alle meine Infos in eine Maske auf einem iPad ein. Und dieses System mag Diplomaten-IDs nicht. Hatten wir ja schon öfter. Es wurde also hin und her probiert, das ganze gut durchorganisierte Impfprocedere kam gehörig ins Stocken und niemand störte sich daran. Während ich zunehmend nervös wurde, beruhigte man mich und tüfftelte und probierte und telefonierte. Und irgendwie klappte es denn doch. Im gleichen Moment, in welchem meine iPad Registrierung akzeptiert und damit abgesendet werden konnte, erhielt ich per SMS auf mein Handy eine Nachricht mit der Chargennummer des Impfstoffes, den ich ja noch gar nicht erhalten hatte und einem Termin für die Zweitimpfung. Da soll man doch sagen was man will, das soll in Organisation erstmal einer nachmachen!

In allgemeiner überschwänglicher Freude, dass das gesamte anwesende Personal sozusagen in Teamarbeit meine erfolgreiche Registrierung bewerkstelligt hatte, wurden dann Fotos geschossen. Sozusagen als Erinnerung. Und ich wurde herzlich verabschiedet. Bis zum 13. Mai, dann wissen aber alle wie das mit mir und meinen Nummern geht. 

Während meiner Wartezeit dort kamen auch zwei Gynäkologinnen aus der Gegend zum Impfen. Man bekommt das ja mit, aufgrund der Gespräche. Und ich habe wieder etwas gelernt. Kenianische Gynäkologinnen bevorzugen High Heels. Also besser noch High High Heels. Gerne in Lack und Knallfarbe. Naja, das mit der Integration ist ja so eine Sache. Ich hab zumindest drüber nachgedacht, bleibe dann aber doch lieber bei meinen geliebten sansibarischen Blümchensandalen. Vielleicht langweilig, aber näher am Boden.....

Impressionen:

Wartezonen überall


Feuerlöscher an jeder Ecke


Tore, Gitter, Wachschutz 






Listen, Listen und noch mehr Listen


rechte hintere Ecke


heißer Scheiß Astra


geschafft


Mittwoch, 17. März 2021

Frühstück mit Aussicht

Ja, wir waren mutig und nach unserem letzten Wochenenddesaster nicht abgeschreckt. Vielleicht haben wir auch zu viele Abenteuergene im Blut - wir wollten es jedenfalls nochmal wissen...

Nach einiger Recherche hatten wir erneut ein verträumtes Wochenenddomizil auserkoren und gebucht, die Kinder verkauft und natürlich (ich dachte, ich fass es nicht) Handwerker für den Samstagvormittag einbestellt.  Nämlich genau diese, welche schon beim letzten Mal nicht erschienen waren. 

Es sollte diesmal besser für uns laufen. 

Die Sonne schien, die Handwerker waren pünktlich und sogar die Kinder erstaunlicher Weise bereits gegen 10 Uhr wach und aufgestanden.

Und so hatten wir diesmal einen wesentlich besseren Start. Nach dem Desaster vor drei Wochen hatten wir uns diesmal für die altbewährte Strecke durch die Stadt entschieden. Und wir sollten belohnt werden. Kein Stau! Und das ist Samstag Mittag ein kleines Wunder. 

Und was für ein hübsches Hotel hatten wir ausgesucht. Klein, persönlich, wundervoll. Sogar meine Lieblingsrosen (Blanchette) waren überall im Haus verteilt. 

Und so genossen wir den gesamten Nachmittag und vertrödelten die Zeit. Ohne Computer, ohne Emails. Nur Bücher, Ruhe und Gin & Tonic. Was braucht es mehr....

Und es hätte ruhig so bleiben können. Tat es aber nicht. 

Manchmal frage ich mich wirklich, warum ausgerechnet uns manche Dinge passieren. Besonders die skurrilen. Ziehen wir sowas an? Warum? Was machen wir falsch?

Während wir uns also eben gerade an den für uns so liebevoll eingedeckten Frühstückstisch auf der Terrasse setzten und die ersten Schlucke des einigermaßen erträglichen Morgenkaffees genossen, stürmte ein kleiner Japaner mit Charlie Chaplin Frisur grußlos an uns vorbei  und wies das Personal an fünf seiner Koffer direkt vor unserem Frühstückstisch auf der Wiese abzuladen. Aha......

Und nun begann der Spaß. Ein Koffer nach dem anderen wurde sorgfältig ausgeräumt und die Sachen auf der Wiese vor unseren Augen verteilt. Nur um sicher zu gehen, dass ihr mich richtig versteht - Hosen, T-Shirts, Hemden, Badehose und so weiter. Souvenirs wären mir lieber gewesen. Ich bekam ein wenig Angst zu viele von den Unterhosen präsentiert zu bekommen. 

Da stand er nun, der kleine Japaner. 2 Meter vor unserem Tisch und bot uns großes Kino. Wir fingen an, uns neben Omelett, Fruchtsalat und Käsebrot köstlich zu amüsieren. Irgendwie erinnerte mich die Situation an einen der alten französischen Avantgarde-Stummfilme. Fehlte nur noch der Mann am Klavier, der nebenbei mit den Füßen in der Wasserschüssel planscht, um die passenden Geräusche zu produzieren. 

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte, ob das denn vielleicht ein Flohmarkt werden solle. Und siehe da, der Japaner sprach zu uns: er wäre ein Künstler aus Paris und möchte jetzt alle Dinge fotografieren, die er besäße. Er hätte nämlich auch einige Koffer bei einer Freundin mit dem gleichen Inhalt und wollte nun sichergehen, Dinge nicht in dritter Ausführung zu kaufen. Wäre ja auch exzentrisch, 3 T-Shirts zu haben oder vier Hosen. 

Es gibt Probleme, die verstehe ich schon aus genetischen Gründen nicht. Erzieherisch wurde ich ebenfalls anders geprägt. Meine Mutter brachte mir beizeiten bei, auf Fahrten in den Urlaub immer etwas Wichtiges zu vergessen, um dann Einkaufen gehen zu müssen. Sie hat das tatsächlich mal mit einem Wintermantel ausprobiert. Hat geklappt, aber ich glaube mein Papa hatte sie spätestens auf dieser Reise durchschaut. Einen neuen Wintermantel gabs dann am Urlaubsort trotzdem. 

Und während wir also unbeirrt weiter frühstückten, fing der Künstler an, seine ausgebreiteten Dinge zu fotografieren. Übersichtsfotografie sozusagen. Und um alles auf ein Bild zu bekommen, stieg er zunächst auf einen kleinen Stuhl an unserem Tisch. Ein Schritt weiter nach hinten und er hätte mit seinen nackten Füßen auf dem Tisch neben meinem Käsetoast gestanden. Hauptsache das Bild ist gelungen.....

Ich kenne diesen Künstler aus Paris nicht. Vielleicht ein armer Student, vielleicht tatsächlich einer von den etwas verrückten und bereits bekannten. Wer weiß.....

Wir hatten jedenfalls ein Frühstück mit Aussicht.....

Die Unterkunft können wir trotz allem, oder vielleicht gerade deshalb, uneingeschränkt empfehlen. 








Samstag, 13. Februar 2021

Valentine mit Hindernissen

Ach ja, wenn man es schon mal richtig schön haben will...

Irgendwie ergab sich kurzfristig die Gelegenheit wegzufahren, da unsere Kinder ihr gesamtes Wochenende mit Freunden verplant hatten. Außer Haus versteht sich....woanders ist es ja immer schöner.....

Nun war es nicht so einfach an diesem Valentinswochenende noch etwas zu finden, außerhalb der großen Stadthotels, von denen es durchaus reichlich gibt. Die sind auch sehr schön, wir wollten aber Ruhe.

Während der Sprechstunde am Freitag, und damit sozusagen zwischen 41 Patientinnen, entschied ich spontan. Nun ja.....ich liebe ja Überraschungen.....meistens.....

Buchen konnten wir nur Samstag auf Sonntag, da der Liebste für den Samstag Vormittag um 9 Uhr noch zwei Handwerker einbestellt hatte. Für Internet und Backofen. Beides wichtig. Beide erschienen NICHT. Sowas bringt uns ja nach nun fast vier Jahren nicht mehr aus der Ruhe. Naja, den Liebsten schon noch etwas, er war dann gegen Mittag am Telefon etwas lauter als gewohnt, als er die Termine verschob. Lag vielleicht auch ein bißchen daran, dass Brot und Milch alle waren und unser Frühstück sozusagen nahezu ausfiel. 

Wir schnappten uns also gegen Mittag unsere Weekender und ab ins Auto. Der Himmel über Nairobi zugezogen und grau. Ein Zeichen? Wir folgten diesmal einer von Google Maps vorgeschlagenen Route auf des Liebsten Telefon. Tatsächlich eine Strecke, die wir sonst nie nehmen. Wir wissen jetzt auch warum.....

Du heilige Makrele, war ich froh, dass nicht ICH diese Strecke ausgesucht hatte. Wir wurschtelten uns also durch das chaotische Inferno aus Bussen, Bussen, Bussen und gefühlt Millionen Menschen zwischen und neben den Autos (zum Glück nicht unter....aber viel hätte nicht gefehlt).

Irgendwann waren wir dann dem Chaos entflohen und kamen an. Ein Privatgrundstück, auf diesem ein Privathaus. Der Wasserkanister vorm Eingang leider leer, so dass mein erster Eindruck eingeseifte Hände waren. Das Haus stand offen, wir gingen hinein und durch und zurück. Wir waren offensichtlich allein. 

Irgendwann kam dann jemand und zeigte uns unser Zimmer. Sozusagen eine umgebaute Garage mit improvisierter 1m x 1m großer Terrasse zum Parkplatz. Die Einrichtung spartanisch und bis auf eine wunderschöne Lamubank an Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffen. Ich bin ja selten sprachlos..... Immerhin das Bad war sehr schön. 


Also nichts mit Honeymoon. Um der Grausamkeit zu entfliehen, beschlossen wir aufs Auspacken zu verzichten und erstmal im Garten einen Kaffee zu trinken. Und der war überraschend gut. In die dazu servierten süßen Kekse war allerdings eine Packung Kümmelsamen gefallen. Gewöhnungsbedürftig, aber essbar. 

Da saßen wir nun auf der Terrasse dieses wirklich wundersamen Hauses. Den Einrichtungsstil kann ich gar nicht beschreiben - es gibt keinen. Es ist ein heilloses Durcheinander von Alt und Neu, Schön und Häßlich. Absolut kurios. Neben alten kolonialen Möbeln hängen schrill bunte indische Vorhänge improvisiert an Strippen. Neben schönen Holzmöbeln und Sofas sind die Essmöbel aus schnödem blaßrosa angestrichenem Metall. Alles ein wenig vom Verfall gekennzeichnet.







Während Michael nach dem ersten Entsetzen mittlerweile recht entspannt war und demonstrativ sein mitgebrachtes gutes Hemd gegen seine St. Pauli Trainingsjacke ausgetauscht hatte, fragte ich kurzentschlossen nach, ob denn noch andere Zimmer frei wären und wir eventuell ein anderes haben könnten. Und TADA....wir konnten es kaum glauben....von den anderen fünf Zimmern waren fast alle frei. Uns wurde (dank meiner enttäuschten Miene) die schönste der freien Räumlichkeiten angeboten. 

Kennt ihr das, wenn beim Betreten eines Zimmers alles plötzlich besser ist? Diesmal war es ein Zimmer mit Fenster! Zum Garten hin. Immer noch mit farblich fragwürdigem Betthimmel und Moskitonetz, aber nun ein bißchen mehr in Richtung TausendundeineNacht, als zuvor Hilfspuff an der Autobahn. 

Wir haben uns jetzt im gemütlichsten Raum des Hauses niedergelassen. Ich sitze auf dem Sofa und schreibe, der Liebste lümmelt im Sessel und liest. Das Kaminfeuer prasselt und Gin und Tonic werden regelmäßig nachgeliefert.  Von einer einarmigen Househelp mit Gipsarm.  

Mal sehen, was noch so kommt........







Montag, 18. Januar 2021

Vieles auf Anfang und einmal Good Bye

So viele Hoffnungen haben wir in dieses neue Jahr gesetzt. Und irgendwie scheint es sich einigermaßen gut anzubahnen. Unmengen von vielen kleinen Neuanfängen. 

Den großartigsten davon zuerst:

Heute morgen. Der erste Schultag für die Kinder seit ganzen zehn Monaten Homeschooling. Natürlich waren sie aufgeregt und die Riemen der Schultaschen inzwischen viel zu eng. Aber was mich wirklich erstaunte, war auf der Fahrt zur Schule das mich sehr bewegende Gefühl, das Haus während der Tagesstunden wieder für mich zu haben. Ganz allein! Jedes Zimmer nur für mich. Kein Mittagessen kochen. Keine angenervten Teenager am Vormittag. Ich liebe meine Kinder wirklich sehr. Aber es war höchste Zeit. Für sie, für mich, für uns alle......

Neben der Schwangerenbetreuung im Medical Center haben wir jetzt auch angefangen die Kinder der kleinen Star Kid School im Githongoro Slum zu betreuen. Oje, da geht es einigen nicht gut. Die meisten leiden unter Bauchweh. Kein Wunder unter diesen Bedingungen. Auf kleinstem Raum wohnen 40 Kinder in einem Zimmer. Alle Betten sind mit mindestens zwei Kindern belegt. Neben kaltem Leitungswasser als einzigem Getränk gibt es eine abwechslungsfreie Kost. Morgens Porridge, mittags Reis und schwarze Bohnen, am Abend einen Maismehlkloß und Weißkohl. Und das sieben Tage die Woche. Du liebe Güte, das ist völlig vitaminfrei. Aber es macht satt. Was sollen die Schulen auch machen. Eine Banane kostet hier rumgerechnet 5 cent, nichtmal dafür reicht es. Ein Jammer.....     

 

Ich seh mich schon Bananenkisten schleppen, vielleicht einmal im Monat. Vielleicht auch mal Apfelsinen. Wenn also einer von euch mal eine runde Obst für die 120 Kinder schmeißen möchte... sagt Bescheid. 

Im Medical Center geht es auch wieder weiter. Zumindest für mich freitags. 

Aktuell machen mir nicht die Patientinnen dort Sorgen, sondern die deutsche Bürokratie. Der deutsche Verein, dem ich dort helfe braucht ein "Certificate of good standing". Das benötigt man, wenn man im Ausland einer Tätigkeit nachgeht. Neuerdings verlangt nun die sachsen-anhaltinische Landesärztekammer für die Ausstellung desselben ein behördliches Führungszeugnis.Wohlgemerkt fiel ihnen das erst jetzt ein, nachdem nach vielem Hin und Her nun endlich alle beglaubigten Zeugnisse, Urkunden und Anträge von Kenia nach Deutschland gesendet worden waren. Und jetzt wirds interessant. Wenn man nämlich seit 3,5 Jahren gar nicht mehr in Deutschland gemeldet ist, dann ist da auch kein Einwohnermeldeamt zuständig. Nein, aber großzügigerweise kann man sich direkt an das deutsche Justizministerium wenden und dort einen Antrag stellen. Allerdings nur, wenn man einen der neuen deutschen Personalausweise hat, die diese Funktion der online Beantragung erlauben - ihr dürft raten - habe ich nicht. Alternativ kann man wohl auch zur Konsularabteilung der deutschen Botschaft fahren und dort gegen entsprechende Auslandsgebühren so ein Führungszeugnis beantragen, welches dann Aussagen bis Juli 2017 enthalten wird. Ob das der Behörde reicht weiß ich noch nicht. Mal sehen. Für die Zeit danach wäre dann die kenianische Polizei zuständig. Das wird dann richtig lustig. Ich schlage mich jetzt mittlerweile seit Monaten mit dieser Bürokratie herum. Ich habe selten das Bedürfnis irgendetwas hinzuschmeißen, aber im Moment gelüstet es mich danach.....

Aber es gibt auch Schönes zu berichten. Wir produzieren wieder Sanitary Pads und befinden uns in der Planungsphase für eine Reise nach Samburu in die Dörfer und zu den Nomaden. 




Drückt bitte ganz fest die Daumen, dass es im März oder April klappt. Corona hat so vieles verzögert, es muss jetzt einfach funktionieren. 

Tja, soviel dazu. Alles irgendwie am laufen.

Nur eines nicht. Mein Opa hat sich verabschiedet. Passend einen Tag vor dem Geburtstag meiner im Himmel auf ihn wartenden Oma. Passt irgendwie zu ihm, da hat er sich pünktlich einen Tag vorher (man muss ja Reisezeit einplanen) auf den Weg gemacht und sich selbst zum Geschenk. 

Gute Reise Opa. Hab so vielen Dank für all die Zeit und Liebe. Wir werden dich vermissen. Bis wir uns wiedersehen.....

Samstag, 26. Dezember 2020

Was für ein seltsames Weihnachtsfest oder Wenigstens die Soße war gut

Mal abgesehen davon, dass wir wussten, dass es dieses Jahr anders wird als gewohnt, fühlt es sich doch reichlich seltsam an - dieses Weihnachten. Und irgendwie lassen auch die Merkwürdigkeiten nicht nach. Aber von vorn......

Statt also wie gewohnt beieinander unterm Baum zu sitzen, trafen wir uns mit den Kindern in den endlosen Weiten des www um zu erzählen, zu lauschen, zu staunen. Ist schon komisch, dass man sich auch auf solchen Wegen nahe sein kann. Naja, zumindest ein bißchen. Selbst die Großeltern tauchten immer mal im Bild mit auf. 

Obwohl es gut gelungen ist, würde ich das gern als Erfahrung verbuchen und in den kommenden Jahren doch lieber wieder auf die herkömmliche Art und Weise feiern.  Denn irgendwie war dieses Jahr der Wurm drin. 

Alles begann mit einem Stromausfall pünktlich zum Gottesdienstbeginn. Prima Timing. Da saßen wir nun also vor unserem Bildschirm im Dunkeln. Die Predigt half nicht weiter, war sie doch eher von der depressiven Sorte. Zeitgleich begann Raphael über heftigste Ohrenschmerzen zu klagen. Eine fette Mittelohrentzündung war im Anmarsch. Zum Glück war das passende Antibiotikum im Haus. Zur Bescherung hatten wir dann also ein krankes Kind im Bettzeug auf der Couch. Das andere Kind meinte, wenn sich das Kranke zur Bescherung nicht schick machen müsste, dann würde sie auch im Schlumper-T-Shirt bleiben wollen. Der Liebste und ich hatten keine Lust auf Diskussionen und so putzten wir uns nur selbst heraus. Zumindest wars dann gemütlich. 

Für den ersten Feiertag hatte ich Oma Helgas (Gott hab sie selig) berühmte Weihnachtstorte gebacken. Nusstorte mit Buttercremefüllung. 

Nach dem Anschneiden am festlich gedeckten Kaffeetisch merkten wir bald, dass die Buttercreme über Nacht sauer geworden war. Also ab in den Müll damit. Es tat nur ein bisschen weh, hatten wir ja noch ausreichend Lebkuchen, Dominosteine und Stollen. Und natürlich blieb uns ja noch die Vorfreude auf die Weihnachtsgans, die bereits seit Stunden im Ofen schmorrte. Es war Zufall, dass wir vor ca. einem Monat auf einer Organic-Farm eine Gänsescharr entdeckt hatten. Eins der Tiere wurde also am 23. für uns gemeuchelt, gerupft und ausgenommen geliefert. Mmh, zumindest dachten wir es wäre eine Gans. So richtig wissen wir bis heute nicht, was für ein Vogel dann da am Abend auf unserem Teller lag. Wir sind uns sicher, dass es weder Gans noch Ente war. Es war jedenfalls nicht essbar. 


Mittlerweile waren wir ja geübt darin, den Mülleimerdeckel zu öffnen. Gab es also Klöße, Rotkraut und Soße. Aber die war immerhin gut. 

Letztendlich passt all das zu diesem seltsamen Jahr und es wäre merkwürdig gewesen, wenn es anders gekommen wäre. 2020 bleibt sich treu. 

Immerhin etwas, auf das man sich verlassen kann ;-)


Mittwoch, 16. Dezember 2020

Samburu - Von Sonnenauf- und untergängen oder wie Johanna von zwei Samburu Kriegern gerettet wurde

Manchmal haben wir echt Schwein. Mit unserer Reise nach Samburu auf jeden Fall. Es gibt einige schöne Camps hier. Wir haben nicht das teuerste, aber eines der hübscheren erwischt. Das ist ja immer so eine Sache, wenn man auf Empfehlungen setzt. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Wir hatten Glück! Zelte am Fluß mit Pakettfußboden und Mahagonimöbeln, Bad, Toilette und Extradusche. Wir sind die einzigen Gäste im Camp. Freundlicherweise hat man uns deshalb gleich das größte der Zelte gegeben. Sozusagen zwei Zelte mit verbindendem Wohnzimmer. Wir erfreuen uns nun an insgesamt drei Terrassen über eine Länge von 10 m und versuchen dem immer mal dem gerecht zu werden, indem wir unsere Liegeplätze wechseln. Angeblich sollte in unserem Zelt vor einiger Zeit mal Präsident Clinton übernachten. Der Secret Service war allerdings unglücklich über die Tatsache, das es sich erstens um ein Zelt handelte, welches zweitens obendrein an einem Fluß lag, in welchem es drittens vor Krokodilen nur so wimmelt. Präsident Clinton musste also nach dem Lunch wieder abreisen, wir dagegen können bleiben. Bar, Restaurant, Pool und das gesamte Personal nur für uns alleine. Das ist dann schon etwas schräg. Wir versuchen allen gerecht zu werden und bemühen uns regelmäßig unsere 7-Gänge Menues einzunehmen, den Pool zu benutzen, den Kinderclub zu besuchen und den Barkeeper zu beschäftigen. Ganz schön anstrengend.......








Um dem Ganzen mal zu entfliehen hatten wir uns gestern Abend zum Sundowner auf einen nahegelegenen Berg fahren lassen. Als wir dort ankamen, wartete allerdings als Überrraschung bereits der Barman nebst Bar und einer Köchin nebst Küche auf uns. Auch gut.....  Waren wir wenigstens nicht allein.





Jelly, unserer Fahrer erzählte so fröhlich und allwissend, dass wir uns spontan heute morgen nochmal von ihm abholen ließen, um im Morgengrauen und den Vormittagsstunden auf Tierpirsch zu gehen. Und wir haben so viele Tiere gesehen, unglaublich. 






Frühstück hatten wir auch dabei. Jelly parkte am Fluß in der Nähe einer riesigen Elefantenherde und mahnte uns aufzupassen. Falls die Dickhäuter zu nahe kämen sollten wir rasch ins Auto springen. Zu uns gesellte sich eine ca. 80 Mann starke Pavianfamilie, die ebenfalls ihre Morgenmahlzeit einnahm. Und wie das so ist, irgendwann drückte meine Blase. Die Paviane störten mich nicht, die haben auch alle einen nackigen Hintern. Also ab hinter den Busch. Aber ich sage euch, wenn beim Pullern plötzlich hinter euch ein Elefant trötet, dann pullert man vor Schreck schon mal im zick zack. Meine Güte hatte ich mich erschrocken..... 

Für den Nachmittag hatten wir noch einen Naturewalk geplant. Michael und Hannchen machten sich zusammen mit zwei Samburu Kriegern vergnügt auf den Weg. Nach Kurzem gesellte sich noch ein bewaffneter Ranger zu ihnen. Es gibt einfach zu viele Leoparden hier ums Camp. Aber es war nicht der Leopard, der den Spaziergang im Busch beendete, sondern Hannchens labiler Kreislauf, der sie zusammensacken ließ. Kurze Ohnmacht inbegriffen. Michael konnte sie zum Glück auffangen und die beiden Krieger reagierten ganz weltlich und großartig, in dem sie beruhigend auf beide einsprachen, einen Geländewagen organisierten, der sie mitten aus der Graspampa abholte. Kaum im Camp zurück kam noch ein älterer Herr im Arztkittel an, der uns das in seinem Koffer befindliche Blutdruckmessgerät anbot. War aber nicht mehr nötig. Die Farbe in Johannas Gesicht wandelte sich nach der Rückkehr rasch zurück ins rosige und ein großes Glas Orangensaft tat das seine. 

Vielen Dank den beiden Kriegern!