Dienstag, 31. März 2020

View from my window oder Wie ich seit drei Tagen um die Welt reise

Klingt verrückt, oder? Aber tatsächlich, ich reise seit drei Tagen um die Welt. Trotz Quarantäne und Selbstisolation. Eingeladen von tausenden Fremden, verteilt rund über den Erdenball.

Seit ein paar Tagen gibt es auf facebook eine Gruppe "View from my window". Aus anfangs wenigen Mitgliedern wurden rasend schnell tausende. Jeder darf ein einziges Foto teilen. Nämlich eines aus einem Fenster seiner Wohnung / seines Hauses heraus aufgenommen.


Und nachdem ich anfangs mit wenigen hundert Mitgliedern den Blick aus meinem Wohnzimmer geteilt hatte, darf ich nun täglich andere Ausblicke und Landschaften genießen.

Ich so besuche ich nun, dank der geschenkten Zeit, die ganze Welt und freue mich daran.

                                                                       Alaska


                                                                      Caracas



                                                                         Delft


                                                                      Madagascar


                                                                        Moskau


                                                                          Paris


                                                                        Sydney

Danke, dass es zur Zeit diese Möglichkeit zu reisen gibt. Wir alle sitzen zu Hause und doch dadurch irgendwie ein Stück zusammen. Was für eine wunderbare Idee!

Donnerstag, 26. März 2020

Selbstisolation oder Wo ist die Ananas?

Fast zwei Wochen sind wir nun zuhause. Alle zusammen und doch irgendwie jeder für sich. Das Haus ist groß genug. Jeder hat seine Rückzugsorte. Mittags und abends treffen wir uns im Wohnzimmer oder auf der Terrasse. Irgendwie anders als sonst, aber auch schön.
Trotzdem, mir fehlen die Treffen, die Kaffees, ja sogar die unzähligen Meetings. Das Schnattern und Klönen findet jetzt täglich am Telefon statt. Die einzige Möglichkeit Kontakte zu pflegen. Und der frönen wir ausgiebig. Das Schöne ist ja, dass jeder Zuhause ist und Zeit hat.

Die Fallzahlen hier in Kenia steigen zur Zeit noch langsam, aber das wird sich ändern. Die Frage ist nur wann. Ab morgen Abend gibt es eine Ausgangssperre. Jeweils von 19 - 5 Uhr. Ich nehme mal an, das ist der Anfang.

Wir machen uns große Sorgen um unsere großen Kinder und Eltern in Deutschland. Auch um meinen Opa. Ist doch schon irgendwie toll, wenn man mit 46 noch einen Opa hat, oder? Wäre auch schön, wenn es noch eine Weile so bleibt. Also bleibt bitte alle schön zuhause. Danke!

Ich denke oft an meine "alten" Kollegen im Krankenhaus in Halle. Wie bedrückend muss es jetzt sein in den stillen Krankenhausfluren. Eine Freundin und Kollegin hat es ganz gut auf den Punkt gebracht: "Es ist wie ein Tsunami. Das Wasser ist schon weg und man weiß, die Welle wird kommen. Man hat aber keine Ahnung, wann sie kommt und wie hoch die Welle sein wird."
Ich denke an euch, jeden Tag.....

Und irgendwie meint man ja, wenn man so gar nicht mehr rauskommt, dann passiert nicht mehr viel. Pustekuchen. Mal abgesehen davon, dass es gerade, während ich hier schreibe, in unser Haus reinregnet, hatten wir noch Obstprobleme.

Da hatten wir doch vor etwa einem Jahr den Strunk einer Ananas in die Erde gesetzt. Und tatsächlich, nach einigen Wochen wuchsen neue Blätter, Monate später eine Blüte und dann.......


Ein ganzes Jahr lang haben wir unsere Ananas gehütet und gepflegt. Und neulich saß ich da so und dachte, dat sieht aber heute komisch aus......


Weg war sie. Fein säuberlich mit dem Messer geerntet. Wenigstens war der Nachtguard ehrlich. Naja fast zumindest. Zugegeben, dass er sie gegessen hat, hat er nicht. Er meinte, sie hätte nicht mehr schön ausgesehen. (Anmerkung: das Foto oben hatte ich drei Tage vor dem Mundraub aufgenommen) Oh man.....ich hoffe jedenfalls, dass sie geschmeckt hat.

Und dann gebe ich euch heute noch ein kleines Ratebild. Ihr habt ja gerade schließlich alle Zeit.
Was trocknen wir denn da auf der Decke in der Sonne? 
(alle Nairobianer: bitte nicht verraten)



Freitag, 20. März 2020

Corona Tag 8 und Apfelmus

Vor einer Woche hatten wir hier in Kenia den ersten registrierten Corona Fall. Mittlerweile sind es sieben. Wohlgemerkt sieben nachgewiesene Fälle. Die Dunkelziffer mag ich gar nicht abschätzen, da bisher kaum getestet wurde. Wie auch, es waren ja kaum Testkits vorhanden. Mittlerweile gab es Nachlieferungen. Morgen sollen angeblich einige Leute im Land blind getestet werden. Ich bin gespannt.

Bemerkenswert ist, welche Auswirkungen das hier auf unser Leben hat. Die Straßen sind leer. Wer irgend kann arbeitet von zu Hause aus. Viele haben ihr Hauspersonal nach Hause geschickt, bei anderen sind die Angestellten in die Staff Quarter gezogen. Überall wird desinfiziert. Innen und auch außen. Gestern zogen ganze Truppen von Reinigungsteams durch die Innenstadt und sprühten Desinfektion in alle Ecken.

Die meisten Menschen hier in unserer Gegend sind vernünftig, haben sich in ihre Häuser zurückgezogen und halten soziale Kontakte durch Telefonieren, WhatsApp und Skype. Aber natürlich gibt es auch hier Einige, die aus Deutschland zurückgekehrt sind und die Quarantäneregeln ignorieren. Das sind dann wahrscheinlich auch die ersten, die bei Ansteigen der hiesigen Infektionszahlen als Erste im Flugzeug nach Europa sitzen, größtenteils Business Class.

Ich habe große Sorge um die Menschen hier. In den Slums kann sich niemand isolieren. Sauberes Wasser gibt es nur wenig, über Hygiene brauchen wir hier also gar nicht nachzudenken. Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Nach zwei Tagen ohne Tagelöhnerjob ist der Hunger da. Viele der angestellten Haushaltshilfen sind nach Hause geschickt worden. Viele davon mit Lohnkürzungen. Wenn die ersten Coronafälle in den Slums auftauchen rechne ich damit, dass diese abgeriegelt werden. Schlimmstenfalls mit militärischer Hilfe. Und dann haben wir Krieg.
Kenia wird nicht in der Lage sein, eine auch nur annähernd adäquate medizinische Versorgung der Erkrankten zu bieten. Für einige wenige mit den entsprechenden Kreditkarten und internationalen Krankenversicherungen natürlich schon, aber nicht für die lokale Bevölkerung.
Wir können nur hoffen, dass der Großteil der Menschen hier vernünftig ist und begreift, dass ein Zuhausebleiben und ein Verzicht auf Grillparties, Gartenfeste und ähnliches letztendlich dafür gedacht ist die anderen zu schützen.

Und ganz ehrlich, wir reden hier ja nicht von Wohnungen ohne Balkon, sondern von Anwesen mit riesigen Gärten. Und wie groß Häuser mit 5 oder 6 Badezimmern sind könnt ihr euch sicherlich auch vorstellen.  Da lässt sich auch ein allein Zuhausebleiben sehr gut aushalten.



Raphael und Johanna machen seit letztem Montag das erste mal in ihrem Leben die Erfahrung mit online schooling. Klappt ganz gut. Eine gute Gelegenheit zu lernen, wie man sich selbst organisiert.


Michael hat sich ein Büro hier zu Hause eingerichtet. Tja und ich kämpfe ehrlich gesagt ein wenig mit Langeweile. Aber da kommen einem ja bekanntlich die besten Ideen.


                                                     Zum Beispiel Apfelmus einkochen.

Freitag, 13. März 2020

"Die Nacht in der das Fürchten wohnt......"

"Die Nacht in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond." Diese Worte von Mascha Kaleko hat uns unser Pfarrer mitgegeben. Und sie begleiten mich in den letzten Tagen.

Wir haben vor Kurzem eine wunderbare Freundin verloren. Unerwartet, ganz plötzlich. Unser Alter. Zack bums aus. Unfassbar.
Und neben all der Traurigkeit ist es plötzlich wieder da. Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Sowohl bei uns als Eltern, die wir uns um unsere Kinder sorgen, als auch bei den Kindern, die begreifen, dass auch Eltern um sich zu haben kein Selbstverständnis ist. Diese Nächte sind wahrhaftig zum Fürchten. Und man kann nicht glauben, dass es bei all diesem Unglück doch Sterne und Mond geben soll.
Aber es gibt sie. Nach und nach. Wir erleben gerade, wie hier in der Schule, unter Kollegen und in der Kirchgemeinde Menschen in ihrer Trauer zusammenrücken. Abende mit Rotwein zum Erzählen und Erinnern, Fürbitten, eine Andacht, Meetings mit liebevollen Abschiedsworten. Und ungezählte Tränen. Uns ist bewußt geworden, wie wenig wir hier in der Fremde, als Durchreisende auf Zeit, eigentlich voneinander wissen. Eine Freundin hat die wunderbare Idee ins Spiel gebracht einen geschützten Gesprächskreis zu initiieren. "Erzähl mir deine Geschichte...". Eine schöne Idee.

Liebe Indra, du hast es trotz deiner verdammt kurzen Zeit hier geschafft, die Menschen zueinander zu bringen, Türen und Herzen zu öffnen. Ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Gute, wo auch immer du jetzt bist. Den nächsten Kaffee trinken wir irgendwann später.


Ja, und dann hat es Corona nun auch hierher geschafft. Gestern gab es die Meldung, dass die erste erkrankte Person detektiert wurde. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was kurz nach dieser Nachricht passierte. Panik in den Supermärkten. Nach wenigen Stunden kaum noch Toilettenpapier.
Die UN stellt auf working from home um. Am Einlass zu  Einkaufszentren gibt es jetzt nicht nur Sprengstoff-, Taschenkontrollen und Durchleuchtung, sondern jetzt wird auch noch Fieber gemessen. Wer mit erhöhter Temperatur auffällt wird umgehend ins Krankenhaus gebracht. Schnupfennasen wird der Einlass verwehrt. Unsere Schule wird Sonntagabend entscheiden, ob auf online Unterricht umgestellt wird.
Ich habe gehört, dass Kenia 400 Corona-Virus Testkits zur Verfügung stehen. Pro Patient braucht man zwei. Das ist bereits der Punkt, an dem man lieber aufhört nachzudenken. Und wenn man es doch macht, dann weiß man, dass der Großteil der Bevölkerung gar keine Krankenversicherung hat. Und in den Krankenhäusern hier kann man wie Hildah damals sterbend auf der Eingangstreppe liegen. Solange nicht irgendjemand seine Kreditkarte gezückt hat, passiert hier nämlich gar nichts.
"Die Nacht in der das Fürchten wohnt..."....hier sehe ich zur Zeit weder Sterne noch Mond.

Montag, 9. März 2020

Zwei Schritte vor und einen zurück

Ach man, es wäre ja auch zu einfach gewesen. Alles war organisiert und gebucht. Am kommenden Freitag wollten wir uns wieder auf den Weg nach Bomet machen. Mit 2000 Päckchen Sanitary Pads.

Pustekuchen. Nicht, weil mit unseren Pads was nicht stimmt. Nein, da gibt es jetzt irgend so ein dubioses Machtgerangel innerhalb der Landesregierung in Bomet.
Der Bildungsminister meinte jetzt plötzlich, dass er uns untersagt, mit den Mädchen zu sprechen, bzw. erst recht Aufklärungsunterricht über Mädchenthemen wie Menstruation zu machen. Er würde uns anbieten, mit ein paar Lehrern zu sprechen und die 2000 Päckchen, die könnten wir ja mal eben in seinem Büro vorbeibringen, er würde sich dann darum kümmern....Nachtigall ick hör dir trapsen.....

Ja, auch das ist Kenia wie wir es immer wieder erleben. Da wittert jemand ein Geschäft. Lassen sich ja auch wunderbar verkaufen, unsere Päckchen.

Interessanter Weise fanden die Sozialarbeiter, mit denen ich auf diese Reise gehen wollte das Angebot nicht schön, aber dennoch akzeptabel. Da ist sie wieder, die anerzogene kenianische Gehorsamkeit vor der Obrigkeit.
Naja, nicht mit mir. Meine Antwort kam aus tiefstem Herzen und wie aus der Pistole geschossen:
HAPANA !
Man soll ja Gelerntes auch anwenden. Das hier war eine passende Gelegenheit.

Wir haben mittlerweile Kontakt zum Bildungsministerium in Nairobi aufgenommen. Dort will man uns eine offizielle Erlaubnis erteilen, mit den Mädchen sprechen zu dürfen. Prima dachte ich, geht doch. Leider nein.....die Bearbeitungszeit liegt laut Aussage der Sachbearbeiter dort irgendwo zwischen 2 Wochen und drei Monaten.
Für solche Situationen habe ich leider noch nicht das richtige Suaheli-Wort parat.

Egal, wir beißen uns da durch. Mittlerweile erfahre ich auch Hilfe und Unterstützung von Freunden, die jemanden kennen, der jemanden kennt.....
Wir werden sehen. Das Gute findet irgendwo immer einen Weg.

Unterdessen läuft die Produktion der Sanitary Päckchen auf Hochtouren. Alle fertig produzierten Beutelchen werde ich in meiner Garage zwischenlagern, bis wir dieses Schreiben aus Nairobi haben.







Und irgendwann gehts los. Etwas später als gedacht, aber das macht nichts.
Zwei Schritte vor, einen zurück. Alles kein (großes) Problem, solange die Richtung stimmt.



Samstag, 22. Februar 2020

Von Sharon und wie ich auf dem Markt meine kenianischen Freunde sprachlos machte

Ja, ich hatte ihn mir tatsächlich gestern Abend gegönnt. Den Sundowner auf der Terrasse. Und heute ging es weiter. Natürlich nicht mit dem Gin...

Weitere Schulbesuche standen auf dem Programm, um die Schuldirektoren von unserem Projekt zu überzeugen. Es war ein leichtes Spiel, da unser Begleiter aus dem Ministerium wieder mit uns war.



Was mir auffiel war, dass die Schuldirektoren die Zahlen über menstruationsbedingte Fehltage der Mädchen schönten, ebenso über Teenieschwangerschaften, sobald der stellv. Bildungsminister mit im Raum war. Aus Angst oder was auch immer. Erstaunlicherweise bemerkte dieser das auch und änderte seine Taktik. Von nun an, war er nur noch bei den Begrüßungsrunden dabei und wartete anschließend während des Gesprächs allein draußen auf dem Schulhof. Und das nenn ich Größe in diesem Amt! Soll ihm erstmal einer nachmachen....

In einer der Schulen platzten wir in irgendeine Zeremonie und wurden empfangen wie Staatsgäste. Das war gar nicht für uns geplant gewesen, aber nun waren wir schonmal da und wurden wir auch gleich gefeiert. War irgendwie auch witzig.



Der Direktor dieser Schule war wahnsinnig aufgeschlossen und hatte gleich noch die leitenden Elternvertreter (alles Männer) zum Gespräch mit uns gebeten. Das war nicht schwer, weil ja aufgrund der Zeremonie auf dem Schulhof sowieso alle Familien anwesend waren. Und dann habe ich erleben dürfen wie diese drei Männer unglaublich neugierig unsere Binden untersuchten. Sie wurden gegen das Licht gehalten, um das Innenleben zu sehen, gebogen, gefaltet und wieder aufgeknöpft. Die Jungs hatten Spaß....

Und dann erzählten sie uns von Sharon. Sharon wohnt neben der Schule, ist 15 Jahre alt und hat ein 9 Monate altes Baby. Die Mutter ist schwer alkoholkrank, mit diversen sozialen Problemen. Sharons Bruder hat sich vor einiger Zeit mit 10 Jahren im Wald erhängt, ihr Vater starb zwei Tage später an irgendeiner schweren Krankheit. Sharons Mutter ist nicht in der Lage Schulgeld für sie zu bezahlen und Sharon ist klug. Und möchte zur Schule gehen. Und lernen. Trotz Baby. Letzte Woche hatte sie die Schulverantwortlichen besucht und um Hilfe gebeten. Sie hatte dort ebenfalls über Selbstmordgedanken berichtet, weil sie sich so alleingelassen fühlt.




Wir haben ungeplant und spontan Sharon zu Hause besucht. Die mich begleitenden Sozialarbeiter haben sie umgehend in ein Sponsorship Programm aufgenommen. Wir haben ihr in der nächsten Stadt Schulhefte gekauft und ab kommendem Montag kann Sharon wieder die Schule besuchen.

Letztendlich war ich selbst auch nur 5 Jahre älter, als ich mein erstes Kind (den wunderbaren Jonathan) geboren habe. Und wenn Sharon an sich glaubt und stark bleibt und fleißig ist, dann kann sie alles werden. Die Unterstützung ihrer Lehrer und der Elternvertretung hat sie. Und nun auch noch die der Sozialarbeiter aus Mathare. Es gibt nicht viele, die hier solche Chancen bekommen.

Geplant haben wir nun Folgendes:

Schulungscamp
13. März      -       am Nachmittag Schulung von jeweils zwei Vertrauenslehrern aus 16 Schulen
14. März      -       ganztags ein Schulungscamp für jeweils 3 Schülervertreter aus 16 Schulen
                             (diese werden ausgebildet, alle anderen Schüler mit Unterstützung der           
                            Vertrauenslehrer im Umgang mit den Sanitary Pads zu schulen)

Ich freue mich unendlich, dass wir es bis hierhin geschafft haben und bin wahnsinnig gespannt auf das Camp im März.

Irgendwann haben wir uns dann am Nachmittag auf den langen Heimweg gemacht. Unser Plan war unterwegs an einem der Straßenmärkte noch Kartoffeln und Tomaten zu kaufen. Dazu muss man wissen, dass besonders die Massai auf die chemische Behandlung der Felder verzichten. Was will man mehr. Ich beklagte während der Fahrt, dass ich auf solchen Märkten immer Muzungu-Preise bezahlen müsste und damit reichlich mehr, als die lokalen Einwohner. Besonders Titus fühlte sich nun bemüßigt, mich auf die Verhandlungen auf dem Markt gut vorzubereiten. Sein Tipp war nach der ersten Preisangabe des Verkäufers entrüstet "Hapana" (ist Suaheli und bedeutet "no way") zu rufen.

So weit, so gut. Er war mit meinem "Hapana" lange nicht zufrieden und wir übten amüsiert eine lange Zeit im Auto die richtige entrüstete Aussprache. Besonders wichtig schien ihm die harte Betonung des P in der Mitte des Wortes.

Auf dem Markt entschieden Titus, Ann, Augustine und ich uns zufällig alle für den gleichen Stand. Und wohlgemerkt wir kauften alle das gleiche. Meine mir zugeteilte Verkäuferin war über mein "Hapana" dermaßen amüsiert, dass ich tatsächlich einen guten Preis bekam.
Ich saß längst wieder im Auto, Kartoffeln und Tomaten waren gut im Kofferraum verstaut, nur Titus fehlte.


Da stand er doch tatsächlich in einer Traube von Verkäufern diskutierte ausdauernd und konnte es nicht fassen, dass er als Kenianer mehr bezahlen sollte als ich. Letztendlich musste er.
Was haben wir gelacht....
Hapana sei Dank!


Ein paar Stunden später hatten wir es dann geschafft. Endlich zuhause. Was für ein schönes Gefühl.


Donnerstag, 20. Februar 2020

Von Schuldirektoren und der Toilette des Ministers

So langsam lerne ich, ein echter Kenianer zu sein. Vieles ist einfach, bei manchem sträube ich mich noch. Aber seht selbst.....

Unser Plan war ja heute Gouverneur und Bildungsminister zu treffen. Unser Plan war gut, die Realität sah anders aus. Der Gouverneur war verhindert, der Bildungsminister auch. Aber, im Nachhinein muss ich sagen, dass das vielleicht tatsächlich unser größtes Glück war. Der Bildungsminister hatte uns nämlich seinen Stellvertreter geschickt.

Und der kam auch. Heute morgen zum Frühstück ins Hotel. Nun muss man wissen, dass jegliches Business in Afrika besser funktioniert, wenn es etwas zu Essen gibt. Und das Frühstück hier war gar nicht so schlecht.
Uns wurde sogar die tagesaktuelle Frühstückskarte an den Tisch gebracht. Wir hatten die Wahl.



Der Stellvertreter des Bildungsministers kam kenianisch, nämlich zu spät. Und, was mich besonders erstaunte, nicht mit dem Auto, sondern mit dem öffentlichen Bus und letzten Endes zu Fuß. Da hatte er doch gleich bei mir ein paar Sympathiepunkte gesammelt.
Und wie sich herausstellen sollte, war dieser Mann überaus freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Genauso jemanden brauchten wir nämlich an diesem Tag. Jemanden, vor dem die Schulleiter, die wir besuchen wollten, Respekt hatten und jemand, der unser Vorhaben mit allen Kräften unterstützte. Ein Volltreffer.....

Los ging es dann gemeinsam zu unserer ersten Verabredung. Nämlich genau in die Schule, in der Ende vergangenen Jahres die entsetzliche Geschichte mit dem erhängten Mädchen passiert war. Genau dort wollten wir hin.

Der Weg war weit. Entlang ungezählter Teeplantagen, durch Wälder, vorbei an Weiden mit zufrieden satten Kühen, Schafen, Ziegen, jenseits der asphaltierten Straßen.  Man merkt, wie die ansonsten um diese Jahreszeit ausgedörrte Region, unter dem reichlichen Regen zu Kräften kommt.




In der Schule wurden wir vom Direktor und den Mädchen der 8. Klasse begrüßt.
Standesgemäß mussten wir natürlich zuerst in das Büro des Schuldirektors. Nach der üblichen Vorstellungsrunde und unter den Blicken des stellvertretenden Bildungsministers wurden dann dem Schuldirektor die Sanitary Pads präsentiert.


Es amüsiert mich jedesmal, wenn diese Männer sich zieren dieses Stückchen Stoff einmal in die Hände zu nehmen und anzufassen. Aber Ann ist unerbittlich. Mit grenzenlosem Charme schafft sie das jedesmal.


Lustig war, dass ich in dieser Schule Ibrahim kennenlernte, einen Basketballer aus Dallas. Er hatte auch von der Geschichte gehört war ebenfalls zu Besuch und ich habe ihn mühelos von unseren Sanitary Pads begeistern können.


Aber mal ehrlich, dass war ja wirklich ein langes und nettes Gespräch, doch es ist schon schräg, wenn dein Gespächspartner doppelt so groß ist, wie du selbst. War auch mal wieder eine neue Erfahrung.

Im Anschluß haben wir noch weitere Schulen besucht. Im Grunde genommen war es immer das selbe Spiel. Begrüßung, Vorstellungsrunde, Demonstration der Sanitary Pads und Planung des Camps im März, eine runde Kenyan Tee, Smalltalk, Verabschiedung.






Durch die bloße Anwesenheit des stellv. Bildungsministers waren uns alle Schuldirektoren (allesamt männlich) offen zugetan. Ich bin mir nicht sicher, ob es ohne seine Begleitung ebenso gewesen wäre. Das Ministerium unterstützt unsere Aktion und auch das geplante Camp im März voll und ganz. Ich bin davon überzeugt, dass die Schuldirektoren hier nicht danach gefragt werden, ob sie interessiert sind oder nicht. Sie werden wahrscheinlich schlichtweg von oben dazu verdonnert.
Letztendlich ist es mir egal wenn unser Plan aufgeht und letzten Endes die Mädchen davon profitieren.

Die kenianische Regierung hatte ja mal vor einigen Jahren den Beschluss erlassen, dass alle Schulmädchen des Landes mit Einmal-Pads ausgestattet werden. Letztendlich haben wir heute gelernt, das jedes Mädchen 16 Wegwerfbinden pro Jahr erhält. Du liebe Güte.....

Pro Woche fehlen in jeder Schule etwa 10 Mädchen, die wegen ihrer Menstruation zu Hause bleiben müssen. Naja, die Zahl 10 wurde uns genannt, ich denke die Dunkelziffer ist reichlich höher.
Genau wie in Nairobi prostituieren sich die Schulmädchen, um sich dann von den umgerechnet 50 cent Binden kaufen zu können. Der Plan geht nicht auf, weil ein Großteil dieser Mädchen schwanger wird. Die meisten mit 14 oder 15, was letztendlich zum Rauswurf aus dem Elternhaus und damit auch zum Schulabbruch führt. Es ist ein Teufelskreis.

Am Nachmittag sind wir dann doch noch ins Bildungsministerium gefahren. Aber eigentlich nur, weil meine Blase nach dem vielen Tee so drückte und das Gebäude auf dem Weg lag.


Und tada....nun kann ich behaupten nicht nur eine Bischofstoilette benutzt haben zu dürfen, nein, nun ist auch die Toilette des Bildungsministers in die Sammlung aufgenommen.
Ein Highlight.....aber seht selbst.....


Und auf der Heimfahrt, als alles vorbei war, da merke ich doch, dass ich den ganzen Tag mein T-Shirt auf Linksrum anhatte. Nun habe ich ja die Gabe herzlich über mich selbst lachen zu können. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es jemand gemerkt hat und wenn doch, dann geht es hier draußen wahrscheinlich als Muzungu-Mode-Tic durch. Auch egal, immerhin hat es Glück gebracht.


Im Moment sitze ich auf der Terrasse der Kantine und über der Mara geht die Sonne unter.
Ich freue mich jetzt auf mein Abendessen und vielleicht auch auf einen Gin & Tonic. Den hab ich mir heute verdient....